Die Sommerinterviews 2008 – Tobias Bachmann

Mit Tobias Bachmann haben wir heute den Autor von Das Spiel der Ornamente als Interviewpartner. Gemeinsam mit Markus K. Korb schrieb er im letzten Jahr den Episodenroman Das Arkham-Sanatorium, der in Lovecrafts hexenverfluchten Stadt am Miskatonic spielt. Tobias Bachmann ist außerdem Übersetzer, hat Kurzgeschichten zu unterschiedlichen Anthologien beigesteuert (Die Legende von Eden, Liberate me, Disturbania) und ist nicht zuletzt Autor der Bücher Kaleidoskop der Seele, Novalis‘ Traum und Auspizien.

Cthulhu.de-Team: Erst einmal vielen Dank für das Interview! Bevor wir mit den einzelnen Fragen starten, wäre es toll wenn du dich kurz vorstellen würdest, Tobias.

Tobias Bachmann: Dass die schwierigsten Fragen auch immer zuerst kommen müssen… Nun gut: Ich wurde 1977 in Erlangen geboren, wo ich noch immer lebe und arbeite. Ich habe eine kleine Tochter, die leider nicht bei mir lebt, und bin fest liiert. Man bezeichnet mich gerne als kreativen Chaoten; ich bin ein sportlicher Genussmensch, ein friedlicher Rebell, fischessender Vegetarier…, eben ein Mensch der Gegensätze in sich vereint. Neben meiner Berufung, der Schriftstellerei, habe ich auch noch einen Beruf, der die verwirrende Bezeichnung Heilerziehungspfleger trägt. Bis vor kurzem verdiente ich mein Geld noch in einem Wohnheim für Erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung. Seit kurzem habe ich jedoch in die Tagesstätten gewechselt, wo ich es nun mit Kindern zu tun habe. Wenn ich ausnahmsweise mal keine Geschichten ersinne oder irgendwelche Menschen betreue, dann mache ich ab und an auch ein wenig Musik. Viele Jahre war ich aktiver Rockmusiker, habe auf der Bühne in die Tasten gehauen und dabei meine Haare geschüttelt. Seit sich jedoch mein letztes musikalisches Projekt in Wohlgefallen aufgelöst hat, komme ich kaum noch zum Musik machen. Ich schreibe vermehrt, übersetze auch ab und an mal für verschiedene Verlage, und manchmal kommt es sogar vor, dass ich Zeit zum Schlafen finde.

CT: Seit wann schreibst du?

TB: Ich war 16 Jahre alt, als ich mit zwei Schulkameraden für einen Monat Großbritannien bereiste, via Interrail-Ticket, und mit Tramperdaumen. Der Urlaub gestaltete sich eher exzessiv und abenteuerreich, und ich ging voll und ganz in der Atmosphäre auf, die auf dieser großen Insel vorherrscht: Alte Gemäuer in London, ein uralter Friedhof in Wales, steinerne Keltengräber in Irland, gut erhaltene, aber dennoch düster dreinblickende Burgen in Schottland, ein vermoderter Fischerhafen in Norwich… Stefan (auch heute noch einer meiner wichtigsten Testleser) und ich erzählten uns abends immer Gruselgeschichten, die wir uns spontan erdachten, und Stefan drängte mich regelrecht dazu, diese aufzuschreiben. Also kauften wir uns dort vor Ort jeder ein Notizbuch, und los ging‘s. Meine erste richtige Geschichte habe ich 1993 geschrieben. Sie war grottenschlecht und erschien in einer Schülerzeitung. Ich habe nicht mal ein Belegexemplar. Aber ein Lehrer wurde dadurch auf mich aufmerksam, und gab mir einige Tipps, die ich beherzigte. Und ich bemerkte, dass das Schreiben mir Spaß machte, dass es mich befreite, dass es mir quasi half, meine inneren Dämonen zu bändigen. Zunächst war ich damit beschäftigt, all die Ideen aus den England-Impressionen aufzuschreiben – das schlimme war nur: zu jeder Geschichte, die ich schrieb, fielen mir gleich zwei neue Ideen ein. Ich habe eine Notizbuchsammlung hier, die fast ausschließlich aus Ideen bestehen. Wenn ich die alle in literarischer Form niederschreiben würde, dann müsste ich mehrere Hundert Jahre alt werden… und täglich kommen neue hinzu. 1998 erschien mein erstes Buch, Steine, bei Jörg Kleudgens leider nicht mehr existierendem Verlag Goblin Press, was mich dermaßen bestärkte, dass ich wie ein Besessener weiter schrieb, an meinem Stil feilte, und nach und nach merkte, dass das Schreiben mehr ist, als nur ein Hobby. Meine Ideen wurden im Laufe der Zeit umfangreicher, manche passten zueinander, und indem ich mehrere Ideen zusammenwürfelte, entstand mein erster Roman, Die Ruhe nach dem Tod.

CT: Und wie hat alles angefangen? Hast du dir schon als Kind Geschichten ausgedacht und zu Papier gebracht?

TB: Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind bereits so Sachen machte, etwa eine Art Zeitung zu schreiben. Meine Schwester besitzt noch heute ein Comic, das ich ihr mal zum Geburtstag gemalt habe, und einmal startete ich gar den Versuch einen Roman zu schreiben, einen James Bond Roman, in dem es darum gehen sollte, dass 007 einen Doppelgänger hat, den er jagen muss. Ich kam nie über die erste Seite hinaus. In der Schule dann, bekam ich einmal Ärger, weil mein Erlebnisaufsatz zu fantasiereich war. Soweit ich mich erinnere mussten meine Eltern damals in die Schulsprechstunde und fortan hatte ich unter meine Aufsätze zu schreiben: „Dies ist ein reiner Fantasieaufsatz.“ Einer meiner letzten Aufsätze (später schreibt man laut Lehrplan ja keine mehr, sondern nur noch Erörterungen und so Sachen) schrieb ich auf dem Gymnasium, und hatte zum Thema: Als die Straßen aus Gummi waren – also auch bereits Phantastik im weitesten Sinne.

CT: Schriftsteller, das lese ich immer wieder, sollen ja viel lesen. Was liegt denn gerade auf deinem Nachttisch?

TB: Aktuell lese ich Ramsey Campbells Hungriger Mond, das mir bislang sehr gut gefällt. Ich mag Campbells Stil, der am hervorragendsten ist, wenn er den Verfall der Städte beschreibt. Ich lese in der Tat sehr viel und gerne, muss jedoch eingestehen, dass ich zunehmend weniger Zeit dafür finde. Leider kaufe ich dennoch wie ein Wahnsinniger ein Buch nach dem anderen, so dass mein SUB (Stapel ungelesener Bücher) wächst und wächst.

CT: Oh, ein Phänomen das mir nicht unbekannt ist. Hast du es schon mal mit Hörbüchern versucht?

TB: Habe ich, in der Tat. Begeistert hat mich die Hörbuchadaption von Umberto Ecos Das foucaultsche Pendel, sowie die Umsetzung von Barkers Die Bücher des Blutes, die ich für gelungen erachte, da sie einfach gut gelesen sind. Das Problem, das ich mit Hörbüchern habe: Ich bin nicht multitaskingfähig. Sprich: Entweder ich höre zu, oder ich mach irgendwas anderes. Von daher genieße ich ein Hörbuch gerne mal in der Badewanne, oder aber zum Einschlafen (wobei ich dann nicht wirklich viel von mitbekomme…); was schlussendlich der Grund ist, dass ich mich mit diesem Medium nicht wirklich auseinandersetze. Ab und an bekommt man mal eines geschenkt, die höre ich mir dann an; sofern ich dazu komme. Aber für nebenher ist das bei mir nichts. Es ist genauso, wie mit Filmen. Einen Fernseher besitze ich nicht, da ich Gefahr laufe, mir dann von morgens bis abends jeden Schrott anzusehen, der auch nur am Hirnrand irgendwie interessant sein könnte, lediglich deshalb, da es bewegte Bilder sind. Was ich aber gerne tue, ist, mir DVDs anzusehen (am Computer), oder aber natürlich ins Kino zu gehen. Ich bin ein Mensch, der sich voll und ganz auf Geschichten einlässt, sei es als Hörbuch, als Film oder eben als Buch. Anders kann ich damit nicht umgehen.

CT: Zurück zum Gedruckten: Wer sind deine Favoriten wenn es um aktuellen (nationalen wie internationalen) Horror geht? Welche Autoren bereiten dir eine Gänsehaut?

TB: Mein All-Time-Fave war, ist und bleibt eindeutig Clive Barker. Ich halte ihn für einen großartigen Visionär, mit einer gewaltigen Wortgewandtheit, und einer Fantasie, die seinesgleichen sucht. Er ist der einzige Autor, der es bei mir erreicht hat, einen Sammlertick auszulösen, den man schon beinahe als krankhaft bezeichnen kann. Ansonsten muss ich gestehen, gibt es international zur Zeit nur wenig Lebendiges, das dem Genre zuzuordnen ist und mich begeistert: Dan Simmons auf jeden Fall; auf Cambell bin ich ja schon eingegangen; gelegentlich greife ich zu einem James Herbert; und Stephen King hat halt auch seine Höhen und Tiefen. Nationale Autoren der Gegenwart beschäftigen mich mittlerweile mehr, da ich es wichtig finde, seine Kollegen zu kennen, mit denen man sich ab und an mal trifft. Hier Namen zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Um ein paar Empfehlungen komme ich dennoch nicht herum; so sind zum Beispiel die Kurzgeschichten von Malte S. Sembten von beeindruckender Qualität, und im Bereich der Romane kommt man nur schwer an Andreas Gruber vorbei, auch wenn er sich zunehmend in Richtung Thriller orientiert. Da ich kein Freund von Serien oder Romanreihen bin, würde ich mir von Uwe Voehl wünschen, dass er mehr eigenständige Werke veröffentlicht, da seine literarischen Qualitäten mich immer wieder nicht nur überzeugen, sondern wahrlich vom Hocker hauen. Hast du Totenmeer gelesen? Das Buch ist der Wahnsinn!!!

CT: Leider nicht! War leider schon vergriffen… Für all die Unwissenden, kannst du kurz umschreiben worum es geht?

TB: Totenmeer erzählt die Geschichte von Dennis Sturm, einem ehemaligen Kampfschwimmer und Sohn einer Nazilegende. Er zieht in das Haus seines Vaters am Rande der Ostseeküste ein, ein Haus, namens Namenlos. Durch ein Fenster im Dachgeschoss kann man auf ein fremdes Meer blicken. Von außen ist das Fenster nicht zu sehen. Die Dorfbewohner, die sich in Form einer Sekte zusammengetan haben, haben Schwimmhäute zwischen den Fingern, und wollen, dass Sturm das Haus verlässt… Es ist eine ganz eigene Atmosphäre, die Uwe hier heraufbeschworen hat. Hundert Seiten sind nicht viel, doch sie reichen ihm aus, den Leser für ein paar Stunden dermaßen in seinen Bann zu ziehen, dass ich gestehen muss, leichte Komplexe und Schweißausbrüche zu bekommen, wenn ich daran denke, dass von mir der Nachfolgeband stammen wird. Andererseits: Mein Roman wird gänzlich anders sein, was Vergleiche schwer machen wird. Von daher bin ich eigentlich auch schon wieder beruhigt.

CT: Wie sieht es denn allgemein aus mit den deutschen Autoren, müssen die sich vor ihren US-Kollegen verstecken?

TB: Durchaus nicht. In anderen phantastischen Genren haben wir ja derzeit eine ganz schöne Bandbreite deutscher Autoren, die in der Buchhandlung neben den internationalen zu finden sind: Christoph Marzi, Kai Meyer, Andreas Eschbach, Michael Marrak, um nur einige zu nennen; und zunehmend brechen die etablierten Autoren der gegenwärtigen Kleinverlagsszene in die großen Verlagshäuser aus. Auffallend ist jedoch die Genrefrage. Trotz Phantastik bewegen wir uns hier im Bereich der Fantasy, des Historischen Romans, der Science-Fiction. Horror aus Deutschland suchen wir in den großen Verlagshäusern bislang vergebens. Dabei gibt es durchaus großartige Autoren, auch im Kleinverlagsbereich, die sich qualitativ auf internationalem Niveau bewegen. Nur leider ist es ein Genre, dass – zumindest auf dem großen Buchmarkt – derzeit nicht sonderlich gefragt zu sein scheint. Wäre es anders, hätten die großen Verlagshäuser schon längst bei dem einen oder anderen Autor zugeschlagen.

CT: Und wenn wir uns die Phantastik in Deutschland insgesamt anschauen?

TB: Ich bezeichne den derzeitigen Zustand als durchwegs positiv. Die Phantastik im allgemeinen ist auf dem Vormarsch. Die Erfolge von Harry Potter, sowie der Herr der Ringe Verfilmungen haben gerade im Bereich Jugendbuch und Fantasy ein Tor geöffnet, das lange Zeit verschlossen war. In einer fantasielosen, grauen Welt, in der es hauptsächlich um Geld und Macht zu gehen scheint, dürstet es den Menschen nach Fantasie, nach Farbe, nach Ablenkung, nach der Flucht in andere Welten, egal ob diese sich im Elbenreich, im Weltraum oder im Hirn eines gemeinen Schlächters befinden. In der Phantastik ist alles möglich, weswegen ich ihr noch einen langen, stetig breiter werdenden Weg prophezeie.

CT: Und wie schätzt du die Zukunft ein? Wird Horror abseits von Stephen King und Dean Koontz nur noch in Kleinverlagen existieren?

TB: Meiner Meinung nach ist es nur noch eine Frage der Zeit. So böse es klingt, aber letztlich gehören gerade die international bekanntesten Genrevertreter quasi zum alten Eisen. Frischfleisch ist gefragt, und dieses wird derzeit in den Kleinverlagen bei mäßiger Hitze nach und nach schön durchgebraten. Es wird der Zeitpunkt kommen, da das Fleisch gar ist, der Duft sich verbreitet und die Menschen Hunger bekommen.

CT: Schauen wir etwas tiefer ins Bücherregal hinein, welche Altmeister des Horrors sollte man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen?

TB: Auf der deutschsprachigen Seite Franz Kafka und Gustav Meyrink, auf der englischen Edgar Allan Poe und Howard Phillips Lovecraft, und wenn es doch etwas moderner sein soll, Autoren wie Robert Bloch und Ray Bradburry.

CT: Warum gerade diese?

TB: Sie alle bilden meinem Empfinden nach die Eckpfeiler auf denen die gegenwärtige Phantastik gebaut ist. Kafkas surreale, traumgleiche Grotesken, Meyrink mit seinem okkulten Geheimwissen, das er in seinen Werken verarbeitet hat, Poe dessen Schauergeschichten vor Romantik förmlich knistern, Lovecraft mit seiner unglaublich dichten Atmosphäre, Bloch und Bradburry die das ganze in moderne, saftige Sprache verwandelt haben. Erst nachdem man sich mit diesen Autoren beschäftigt hat, weiß man, wo die gegenwärtigen Größen des Genres gelernt haben. Mal sehen, wie es weitergeht. Die nächste Generation klopft bereits an die Tür.

CT: Hast du für jeden Autoren noch einen besonderen Lesetipp?

TB: Es ist prinzipiell egal, was man von besagten Autoren liest. Einzig Meyrink und Kafka mögen bei manchem Leser ein wenig auf Unverständnis stoßen, da es keine Übersetzungen gibt, und somit auch keine verschiedenen Stilformen, sondern man sie eigentlich nur im Original lesen kann. Empfehlen würde ich tatsächlich die Standards, etwa Kafkas Das Schloss oder Der Prozess, bzw. von Meyrink Der Golem. Von Poe existieren, von den Denkwürdigen Erlebnissen des Arthur Gordon Pym einmal abgesehen (was er ja nie vollendet hat, und später von keinem geringeren als Jules Verne unter dem Titel Das Eismeer vervollständigt wurde), ja keine Romane – und bei Erzählungen fallen mir Empfehlungen immer etwas schwer, da sie alle zu unterschiedlich sind. Da kann man sich getrost einfach mal einen beliebigen Band mit Erzählungen hernehmen. Meine Lieblingsgeschichten von ihm sind Grube und Pendel, sowie Lebendig begraben. Bloch ist bekannt für seinen Psycho, der auch wahrlich äußerst gelungen ist. Ich halte das Buch sogar für besser als die Hitchcock-Verfilmung, auch wenn die selbstredend großartig ist. Davon abgesehen hat Bloch hervorragende Kurzgeschichten verfasst, sowie einen der ersten Serienmörderromane aus der Sicht des Mörders: Der seidene Schal. Bei Bradburry empfehle ich immer gerne sein zurecht bekanntestes Werk Fahrenheit 451 sowie etliche seiner Kurzgeschichten. Zuletzt gelesen habe ich das Buch Vom Staub kehrst du wieder, das mir sehr gut gefallen hat.

CT: Kommen wir zu H.P. Lovecraft: Was verbindet dich mit Lovecraft und den Großen Alten?

TB: Eigentlich arbeite ich seit Jahren daran, mich von Lovecraft zu lösen; eigenständiger zu werden. Meine eigenen Universen und Mythologien existieren bereits; in meinem Kopf, in meinen Notizbüchern, manches auch schon auf Papier gebannt. Dennoch scheint mein Werk mit dem Lovecrafts immer wieder verknüpft zu sein. Meine erste Buchveröffentlichung, Steine, beschäftigt sich mit dem Mythos. Gemeinsam mit Markus K. Korb habe ich Das Arkham-Sanatorium geschrieben; und zur Zeit arbeite ich an dem zweiten Roman der Edition Arkham, die beim Basilisk Verlag erscheint. Es ist wahr, das mich Lovecrafts Geschichten und seine erfundene Mythologie um die Großen Alten faszinieren, mich inspirierten, und zum Teil sicherlich den Grundstein legten, selbst aktiver zu schreiben. Und selbst in meinem, bei Eloy Edictions erschienenen Horrorkrimi Das Spiel der Ornamente tauchen zumindest einige Anspielungen auf. Lovecrafts Werk ist ein Kuriosum. Gemeinhin sagt man, er habe einen schlechten Stil – und würde man seine Texte heutzutage einem Verlag anbieten, würden sie vermutlich nur die üblichen Standardabsagen bekommen. Er verstößt gegen sämtliche gängigen Schreibregeln. Zu viele Adjektive, blabla… die Argumente der Kritiker sind kein Geheimnis. Um so faszinierender ist es doch, dass gerade sein vermeintlich schlechter Stil die Leser in seinen Bann zieht. Die Atmosphäre ist es, die mich bei der Lektüre Lovecrafts am meisten begeistert. Eine Atmosphäre, die man nur mit einer Unzahl Adjektive erreichen kann. Jeder Verlag lehnt das ab. Zumindest das habe ich von ihm gelernt.

CT: Wie bist du auf HPL aufmerksam geworden?

TB: Als ich 14 Jahre alt war, galt es in meiner Altersklasse, bei Klassenkameraden als mutig, Stephen King zu lesen. Ich hatte in dem Alter bereits etliche Kings durch, entdeckte gerade Barkers Bücher des Blutes für mich, und – ich glaube, es war in Ramsey Campbells Vorwort zu jener Buchreihe – immer wieder tauchte der Name Lovecraft auf. Ich ging in die Buchhandlung, und kaufte mir spontan Der Flüsterer im Dunkeln. Noch heute ist es mein Lieblingsbuch aus Lovecrafts Feder.

CT: Es ist auch sehr gut 🙂 Und neben dem Flüsterer im Dunklen? Was sind für dich weitere starke Geschichten?

TB: Nach meinem persönlichen Einstieg in Lovecrafts Werk kaufte ich mir nach und nach sämtliche, bei Suhrkamp verlegte Bände, die ich finden konnte. Meine Favoriten sind: Der leuchtende Trapezoeder, Die Musik des Erich Zann, Die Aussage des Randolph Carter, Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath, und Dagon. Zu letzterem wird es in meinem Edition Arkham Roman einige, für den Lovecraft-Kenner interessante Anspielungen geben.

CT: Auf Lovecrafts Stil bist du ja schon eingegangen. Als nicht ganz ernst gemeinte Frage kommt mir da nur in den Sinn: Wenn du Lovecraft treffen würdest, welche Tipps würdest du ihm für sein Schreiben geben?

TB: Ich glaube, Lovecraft würde eher mir Schreibtipps geben. Vermutlich würde er meine Texte in der Luft zerreißen, sich einige Themen oder Ideen herauspicken, diese komplett umschreiben, mir zurückgeben, und mich dazu zwingen, das ganze unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen, da er selbst zu bescheiden gewesen sein soll. Ich habe letztens erst irgendwo gelesen, dass er mehr Texte anderer Autoren überarbeitet und umgeschrieben haben soll, als er selbst angeblich verfasst hat. Den einzigen Tipp, den ich ihm geben würde, wäre es, ihn zu einer gesünderen Lebensweise zu animieren. Ich persönlich halte Tageslicht für sehr gesund.

CT: Bleiben wir beim Thema Schreiben. Wie gehst Du vor, wenn sich eine Idee für eine Geschichte im Hinterkopf festgesetzt hat? Konstruierst du eine Mindmap (oder ähnliches) oder beginnst du einfach mit dem Schreiben und schaust wo du endest?

TB: Meine Herangehensweise ist eher untypisch: Ich habe eine Idee, die mir so unter den Nägeln brennt, dass ich es nicht erwarten kann, damit anzufangen. Also schiebe ich alles beiseite und kümmere mich um die Idee. Erst während ich die ersten Seiten schreibe, formen sich in meinem Kopf die weiteren Handlungsschritte, die ich mir stichpunktartig notiere. Ist die Handlung auf diese Weise komplett, unterbreche ich die Arbeit, und schreibe an dem eigentlichen Projekt weiter, mit dem ich ursprünglich beschäftigt war. Diese Herangehensweise hat dafür gesorgt, dass sich auf meinem Computer über zehn angefangene Romane tümmeln und weiß der Kuckuck, wie viele Erzählungen. Mein Bestreben ist es, nach und nach alles abzuarbeiten, weswegen ich eine Prioritätenliste erstellt habe, in welcher Reihenfolge ich das tue. Diese Liste wird halbjährlich ergänzt und umstrukturiert, da es noch immer so ist, dass sich während des Schreibens die Ideen für andere Geschichten bei mir überschlagen. Eine Story gebiert zwei neue. Ein unerträglicher Zustand, mit dem ich gelernt habe, zu leben.

CT: Hast du eigentlich irgendwelche Schreibkurse besucht, Ratgeber gelesen oder hast du einfach angefangen Geschichten zu Papier zu bringen?

TB: Ich bin Autodidakt, habe einfach angefangen. Die Wahrheit ist, dass ich schreiben muss; denn wenn es die Ideen in meinem Kopf nicht schaffen, zu Papier zu kommen, dann sammeln sich zu viele an, und ich habe Angst davor, das mein Kopf dann explodieren könnte. Folglich muss ich schreiben; mir bleibt gar nichts anderes übrig. Einen Schreibkurs habe ich noch nie besucht, und Schreibratgeber zu lesen halte ich für Zeitverschwendung. Einige wenige habe ich mal gekauft, sie aber nur überflogen. Was ich aber immerzu beherzigt habe, war konstruktive Kritik. Das Feedback der Leser, sowie selbst viel zu lesen – das sind die lehrhaftesten Schreibhilfen, die es meiner Meinung nach gibt.

CT: Wenn die Geschichte für dich fertig ist, von wem gibt es die erste Kritik?

TB: Vorhin habe ich ihn bereits erwähnt: Stefan Wagner, bester Freund und Kritiker in einer Person. Und auch sonst gibt es einige Testleser, wobei diese selten die selben sind. Ein Testleser muss nämlich auch die Zeit zum Lesen haben, und mit zunehmender Dicke meiner Manuskripte gestaltet sich das immer schwieriger. Ich melde mich bei den Leuten, wo ich weiß, die haben die Fähigkeit, konstruktive Kritik zu geben: „Hey, ich habe hier mal eben 350 Seiten. Schaffst du das bis Montag?“ – „Was? Montag? Heute ist doch schon Sonntag!“ – „Ich weiß, aber Dienstag ist Deadline.“ Ich bin ein Autor, der stets erst auf den letzten Drücker fertig wird; zum einen, weil ich mir immer zu viele Aufträge einheimse, zum anderen, da ich wohl den Zeitdruck brauche, um diszipliniert an einem Text arbeiten zu können.

CT: Gerade wenn man bis kurz vor Schluss wartet (ist mir auch nicht unbekannt *hust*), wie sieht es da mit der Überarbeitung aus. Ist es schwer und wie gehst du da vor?

TB: Ich erzähle vom Idealfall, der leider nur selten ist, da die Zeit meist gegen einen ist: Im Idealfall also lasse ich das Manuskript erst mal ruhen. In der Zeit liegt die Würze, sagt man. Und wie gesagt kommt es leider häufig vor, dass kaum Zeit bleibt. Wie auch immer – man braucht einen gewissen Abstand zum Text. Dann hoffe ich auf das Durchhaltevermögen meines Druckers, und drucke mir das komplette Manuskript aus, denn am Bildschirm zu lesen macht mir einfach keinen Spaß. Ich verwende drei Stiftfarben, mit denen ich das Manuskript handschriftlich bearbeite: Rot für Rechtschreib- und Grammatikfehler (ja, man braucht manchmal einen Duden), Grün für Satzbau- und Formfehler, Blau für inhaltliche Änderungen. Anschließend übertrage ich das ganze in die entsprechende Datei. Erst danach kommen die Testleser an die Reihe, und dann – nachdem ich mich mit deren Feedback auseinandergesetzt habe – geht das Prozedere von vorne los. Wieder mit drei verschiedenfarbigen Stiften. Neben dem Duden ist meine wichtigste Hilfe ein Synonymwörterbuch. Erst dann geht es an den Verlag. Im Idealfall gibt es ausreichend Zeit, um Druckfahnen noch einmal auf Fehler zu prüfen, und dann – nachdem das Buch endlich erschienen ist – entdeckt man erst die eigentlichen Fehler und ärgert sich, den Stiftfarben entsprechend: rot, grün und blau (meist auch in dieser Reihenfolge).

CT: Was kannst du angehenden Autoren raten, die ihr Schreiben verbessern wollen?

TB: Ich tue mich mit solchen Tipps immer schwer. Ich bin kein wandelnder Schreibratgeber, und weiß, dass selbst die etabliertesten Autoren nach wie vor Fehler machen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass es keine Perfektion gibt. Ansonsten glaube ich, dass jeder Autor im Laufe seines Schaffens, sein eigenes Konzept entwickelt, seine eigene Methode, mit der er am besten zurecht kommt. Ein eigenes Konzept ist wichtig, gleich was Schreibratgeber empfehlen. Es gibt Autoren, die benutzen spezielle Programme zur Charakterentwicklung. Andere führen fiktive Interviews mit ihren Protagonisten, wieder andere erstellen ihren Plot mit Hilfe von Karteikarten, andere sollen Tafeln oder Flipcharts in ihrem Arbeitszimmer aufgestellt haben. Ich selbst benutze Notizbücher, Papier, Zettel, kritzle in Bücher hinein, und zelebriere ein kreatives Chaos. Keine Putzfrau dürfte mein Arbeitszimmer betreten – mir langen meine zwei Katzen, die manchmal alles durcheinander bringen. Die einzigen wirklichen Tipps, die ich geben kann: 1. viel lesen; 2. viel schreiben; 3. mit offenen Augen durch die Welt gehen, denn im realen Leben liegt der Stoff, aus dem gute Geschichten gemacht sind.

CT: Was macht man eigentlich mit einer fertigen Kurzgeschichte? Die meisten Verlage suchen doch meist nur Romane, oder nicht?

TB: Das ewige, leidvolle Thema. Generell bin ich der Meinung, dass Kurzgeschichten ihre Berechtigung neben Romanen haben. Leider existiert ein Vorurteil, dass Kurzgeschichten sich nicht verkaufen würden. Angeblich würden sich sogar Stephen Kings Kurzgeschichten nicht so gut verkaufen, wie seine Romane. Ob das wirklich so ist oder nicht, mag mal dahingestellt sein. Es ist doch so, dass sich Kurzgeschichten nur deshalb kaum verkaufen, da es im Vergleich zum Roman kaum Bände mit Kurzgeschichten gibt. Ich lese sie sehr gerne. Ich schreibe sie auch sehr gerne. Auffallend ist, dass viele Verlage diese These unterstützen, wobei mir die Feststellung interessant erscheint, dass dies desto häufiger der Fall ist, je größer ein Verlag ist. Welche Möglichkeiten gibt es also? Es gibt Zeitschriften und Anthologien, die Teilweise Ausschreibungen machen, an denen man sich beteiligen kann. Es gibt einen kreativen Weg, den ich selbst bereits zwei mal gegangen bin (bei Auspizien und Das Arkham-Sanatorium), und zwar, die Kurzgeschichten in eine Rahmenhandlung einzubetten, wodurch eine Art Episodenroman entsteht. Das ganze ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Generell abraten kann ich hingegen davon, auf entsprechende Angebote einzugehen, bei denen man für eine Veröffentlichung bezahlen soll, oder – versteckter weise – eine bestimmte Anzahl Bücher zum Selbstkostenpreis erwerben soll. Diese Taktik, auf die leider immer noch viele angehende Autoren hereinfallen, ist einfach hässlich, ausbeuterisch und hat mit der geläufigen Praxis des Literaturbetriebes in etwa so viel zu tun, wie Bier mit Apfelstrudel: nämlich gar nichts, und es schmeckt auch nicht, gemeinsam genossen.

CT: Und woran arbeitest du momentan?

TB: Soeben habe ich die Korrekturfahnen vom Kaleidoskop der Seele durchgesehen. Das Buch wird vermutlich bereits erschienen sein, wenn dieses Interview veröffentlicht wird. Es ist ein sehr persönliches Buch, da es mein Leben lange Zeit begleitet hat, und einen Rückblick bietet, auf 15 Jahre meines Schaffens. Von daher ist es auch ein sehr wichtiges Buch, das mir sehr am Herzen liegt, und ich bin davon überzeugt, dass sich die Leser darauf freuen können. Aktuell liege ich mit der Übersetzung von Winds Of Change von Jason Brannon in den letzten Zügen, das im Herbst bei Basilisk erscheinen soll, wo auch kurz darauf der bereits erwähnte zweite Band der Edition Arkham erscheinen wird, an dem ich zeitgleich schreibe. In petto sind des weiteren zwei Gemeinschaftsarbeiten mit anderen Autoren, einige Beiträge für Anthologien, sowie ein neuer Roman, der wohl ein wenig dicker werden wird, als meine bisherigen Bücher. Außerdem verfolge ich mit dem Zeichner Timo Kümmel noch eine Sache, die zwar sicherlich noch etwas dauern wird, die jedoch jetzt bereits – da wir erst die Vorgespräche dazu führen – so vielversprechend klingt, dass ich es kaum erwarten kann, mit der Arbeit daran anzufangen.

CT: Du hast die Edition Arkham ja schon erwähnt. Kannst du darüber etwas mehr verraten?

TB: Nun, die Bücher der Edition Arkham sind streng limitiert, und somit wird auch mein Roman leider nur ganzen 99 Lesern zur Verfügung stehen. Doch für diese lege ich mich mächtig ins Zeug. Der gegenwärtige Arbeitstitel lautet Dagons Erben, und es wird um Musik gehen, um ein kryptisches Rätsel und um eine versunkene Insel, von der sich einige Leute im Buch erhoffen, dass diese bald wieder aus den Tiefen des Meeres auftaucht. Vom Umfang her wird das Buch in etwa ähnlich dem Vorgängerband vom Uwe Voehl sein, und es wird – selbstredend – inhaltlich und thematisch ganz anders sein, als dieser. Die Leser dürfen gespannt sein.

CT: Klingt spannend! Wie lange arbeitest du schon daran und war es eine „Auftragsarbeit“ oder eine eigene cthuloide Idee?

TB: Patrick habe ich bereits mit Exposés bombardiert, da war sein Verlag noch relativ frisch. Aus den verschiedensten Gründen heraus, kam es jedoch nie zu einer Zusammenarbeit. Ich erinnere mich an eine Nachricht von ihm, wo er sich mehrmals dafür entschuldigte, mir absagen zu müssen. Im Frühjahr diesen Jahres ergab sich jedoch der Übersetzungsauftrag für Winds Of Change, und die Tatsache, dass der zweite Reiseführerband (Dunwich – Ein Reiseführer) aus verschiedenen Gründen verschoben werden musste. Von daher bin ich eigentlich bloß ein Lückenfüller. Dennoch war es Patricks Idee, von mir einen Roman für die Buchreihe beizusteuern. Ein grobes Konzept dafür hatte ich zufällig in der Schublade liegen, und ich schickte es ihm. Ich bin froh, dass es seinen Geschmack getroffen hat, und es zu diesem Projekt nun gekommen ist, denn ich halte die Edition Arkham auch als Leser für eine hervorragende Buchreihe, und bin stolz darauf, meinen Beitrag dafür beisteuern zu dürfen.

CT: Wir sind gleich am Ende, aber noch bevor du das letzte Wort hast, noch eine Frage: Wenn du von deinen Büchern eines empfehlen müsstest, welches sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen?

TB: Ich halte das Kaleidoskop der Seele für mein bis dato wichtigstes Buch – zumindest aber für mein persönlichstes. Natürlich empfehle ich es auch gerade deshalb, weil es gerade erst neu veröffentlicht wurde. Es ist eine Retrospektive von Kurzgeschichten, die die Jahre von 1993, da ich meine erste, ernsthafte Geschichte schrieb, bis zum Jahre 2007 abdecken. In dem Buch befinden sich also 15 Jahre meines Lebens, und der Titel ist Programm. Ich denke, das für jeden Geschmack etwas dabei sein dürfte. Interessant dürfte es sein, dass es mir möglich war, darin mein Erstlingswerk, Steine, in überarbeiteter Form, dem Leser wieder zugänglich zu machen. Im Zusammenhang mit dem Kaleidoskop der Seele möchte ich noch auf eine Anthologie verweisen, auch wenn sie erst Anfang 2009 bei Eloy Edictions erscheinen wird: Zwielicht, herausgegeben von Michael Schmidt. Zu Kaleidoskop der Seele existiert eine Titelstory, die es aus verschiedenen Gründen nicht in das gleichnamige Buch geschafft hat. Dort wird sie erscheinen, und wird für Leser des Bandes interessant sein, da es einige Anspielungen auf Geschichten im gleichnamigen Buch gibt.

CT: Da kommt also noch einiges auf uns zu, würde ich sagen! Und gratuliere, du hast den Fragenmarathon überstanden 😉 Die letzten Worte gehören dir, danke noch mal für die Zeit, die dieses Interview unweigerlich verschlungen hat!

TB: Dafür, und natürlich auch für das Interview, bedanke ich mich ganz herzlich. Schriftsteller lieben es nämlich, das letzte Wort zu haben. Insbesondere das letzte Wort, das sie unter eine Geschichte, beziehungsweise am Schluss eines Romans setzen, lieben sie. Denn dann ist wieder einmal ein Projekt erfolgreich zum Abschluss gebracht worden, was einen mit Stolz erfüllt. Dieses letzte Wort lautet schlicht und ergreifend: ENDE 😉

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