Willkommen im Worlds' End

„Für dich und mich und alle tapferen Männer, mein Bruder“, sagte Wayne in seinem seltsamen Singsang, „wird guter Wein ausgeschenkt im Gasthaus am Ende der Welt.“
– G.K. Chesterton
Der Napoleon von Notting Hill (1904)

Es war ein sonniger Freitag als ich dem örtlichen Comicladen einen Besuch abstattete. Die neue Ausgabe des Sandman sollte dort auf mich warten. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe dem Sirenengesang der anderen Versuchungen (Umbrella Academy, Hellboy, V wie Vendetta) zu widerstehen, aber schließlich kam ich, um 19,95€ ärmer und um Sandman Ausgabe 8 reicher, daheim an.

Ich möchte hier gar keine Rezension über Worlds‘ End abliefern und normalerweise hat das alles auch sehr wenig mit Cthulhu zu tun, doch in Worlds‘ End gibt es eine Geschichte die auf Motiven von H.P. Lovecraft beruht und dabei eines meiner liebsten Themen aufgreift: Städte.

Bevor ich Eine Geschichte aus zwei Städten kurz vorstelle, gibt es einen kleinen Überblick über Worlds‘ End insgesamt: Brant und Charlene sind auf dem Weg nach Chicago, doch in der Nacht kommt ihr Wagen von der Straße ab. Durch einen schrecklichen Schneesturm im Sommer suchen die beiden verletzten nach Hilfe. Sie stoßen auf das Gasthaus Worlds‘ End, das von seltsamen Gestalten (Tote, Elfen, Zentauren, Menschen aus allen Zeiten) bevölkert ist, die sich die Zeit bis zum Ende des Sturmes mit Geschichten vertreiben. Und gleich die erste Geschichte ist jene die ich vorstellen möchte.

Neil Gaiman schrieb in seiner Einleitung zu The Dream Cycle of H. P. Lovecraft: Dreams of Terror and Death:

There’s something about Lovecraft’s fiction, about his worlds, that is oddly alluring for a writer of fantasy and horror. I’ve written three Lovecraftian stories: one obliquely, in Sandman–a quiet,dreamlike story (it’s the first story in the World’s End collection. You can tell it’s Lovecraftian, because I use the word „cyclopean“ in it).

Wovon handelt nun diese kleine Kurzgeschichte? Jeder der die Geschichte noch selbst lesen möchte (und ich würde das wirklich empfehlen), sollte vielleicht jetzt aufhören. Ich werde nicht die gesamte Geschichte wiedergeben, doch kann der Lesegenuss geschmälert werden, wenn schon gewisse Dinge vorab verraten werden. Darum erfolgt das Weiterlesen nun auf eigene Gefahr! Alle Zitate stammen direkt aus der achten Ausgabe von Sandman: Worlds‘ End (deutsche Übersetzung von Panini):

Unser Protagonist ist einer dieser freundlichen Tagträumer, der sich manchmal für seine Gedanken schämt:

Morgens las er in der U-Bahn immer die Zeitung, und er fragte sich, was geschehen würde, wenn der Waggon plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt würde: Wie lange würden die Fahrgäste brauchen, bis sie miteinander zu sprechen anfingen, wer würde sich in wen verlieben, wer würde aufgefressen im Falle, dass die Vorräte ausgingen.

Während seiner Mittagspause macht er ausgedehnte Spaziergänge durch seine Stadt:

Robert betrachtete die Stadt als riesengroßes Juwel, und die winzigen Momente der Realität die er in seinen Mittagsstunden fand, als geschliffene, glitzernde Facetten des Ganzen.

Eines Tages verpasst Robert den Zug nach Hause und er ist gezwungen zu warten. Vielleicht schlief er dabei ein, vielleicht auch nicht, doch er wurde aufgeschreckt durch den einfahrenden Zug, der keiner U-Bahn ähnelte die Robert je zuvor gesehen hatte. Uns Tagträumer steigt ein und begegnet einer uns sicherlich schon bekannten Gestalt:

Er stand einsam in dem Abteil, das Robert betreten hatte: Ein bleicher Mann mit wilden schwarzen Haaren, der einen langen schwarzen Mantel trug.

Und nein, es ist nicht Neil Gaiman persönlich der da steht, auch wenn die Ähnlichkeit oft verblüffend ist. Es ist Dream, einer der Ewigen der mit Robert ein kleines Stück Weg gemeinsam zurücklegt. Doch schweigsam und unheimlich wie der Herr der Träume ist, bekommt es Robert mit der Angst zu tun und stolpert beim nächsten Halt aus dem Zug hinaus. Er findet sich in der Stadt wieder, die im seltsam vertraut und doch fremd erscheint:

Robert eilte durch die Stadt – falls es noch die Stadt war, denn darüber war er sich nicht im Klaren.

Und er ist nicht allein:

Es gab auch andere, eigenartige Menschen in der Stadt, doch es waren kurzlebige, flüchtige Erscheinungen, die aufblitzen und verschwanden.

Diese Stadt erscheint völlig aus der Realität losgelöst. Zeit und Raum spielt hier keine Rolle. Alles scheint ein verzerrtes Echo der wirklichen Stadt zu sein. Robert verliert sein Zeitempfinden und irrt weiter durch die Straßen, bis er über dem silbernen Fluss eine Brücke entdeckt, von der aus er die gesamte Stadt überblicken kann.

Dort begegnet er einem Mann der eine Vermutung hat:

Vielleicht ist die Stadt ein Lebewesen, schließlich hat jede Stadt ihre eigene Persönlichkeit. Los Angeles ist nicht Wien. London ist nicht Moskau. Chicago ist nicht Paris. Jede Stadt ist eine Ansammlung von Leben und Gebäuden und hat eine eigene Persönlichkeit.

Und weiter?

Und wenn eine Stadt eine Persönlichkeit hat, hat sie vielleicht auch eine Seele. Vielleicht träumt sie.

Ob der Alte Recht behält und ob Robert tatsächlich nach hause findet, erlebt der Leser auf den folgenden Seiten, während die beiden durch die Stadt wandern:

Über ihnen türmten und erhoben sich gewaltige Zyklopenwände. Lichter flackerten an und aus in entfernten Gebäuden. Als würden sie in einem unsicheren Code Botschaften für einen fernen Beobachter buchstabieren.

Doch ob Robert es letztendlich schafft und was aus dem alten Mann wird, soll hier nicht verraten werden. Ich glaube ich habe eh schon zu viel von der Geschichte offenbart. Sandman 8 lohnt sich wie alles von Neil Gaiman und ich kann nur sagen: Schaut euch den Sandman an, beginnt bei Band 1 und ihr werdet es nicht bereuen. Danke an Tom der mich vor einiger Zeit auf diese geniale Serie aufmerksam gemacht hat. Ich schließe den Artikel mit den Worten von Mr. Gaheris, dem Erzähler der sich im Worlds‘ End mit Eine Geschichte aus zwei Städten die Zeit bis zum Abflauen des Sturms vertrieb:

Seither ist mir in Städten etwas unbehaglich.

2 Gedanken zu “Willkommen im Worlds' End

  1. Sandman ist eine der besten Comciserien die es gibt.
    Umbrella Academy solltest Du dir auch auf jeden Fall zulegen.

    V wie Vendetta ist auch okay. Hellboy muss nicht sein. 😀

    Gefällt mir

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