Cthulhu im Gaslicht – Die "Gefallenen"

Die Massen von Prostitutierten in den schmutzigen Gassen des East Ends sind das vielleicht bekannteste Symbol für die dunkle Seite der viktorianischen Gesellschaft. Jack the Ripper mordete hier, und auch Cthulhu-Ermittler im Gaslicht lernen sie meist früher oder später kennen, ob sie wollen oder nicht.

Im Rotlichtmilieu

Möglicherweise war es „das älteste Gewerbe der Welt“, doch die Urbanisierung des 19. Jahrhunderts brachte eine bis dato beispiellose Flut an Prostitution mit sich. Dabei war es meist schlicht und einfach die Armut, welche vor allem junge Mädchen aus der Unterschicht zu dieser Form des Gelderwerbs bewegte, da es in der Großstadt für ungelernte Frauen nur wenig andere Möglichkeiten gab, das eigenes Auskommen zu sichern. Oft aus zerrütteten Familien stammend, zwischen Arbeitshäusern und Heimen hin- und hergeschoben, gerieten diese Mädchen nicht selten bereits im Alter von sechzehn oder achtzehn Jahren auf „die schiefe Bahn“.  Prostitution war nicht per Gesetz verboten, jedoch drangsalierte die Polizei – so sie sich denn in diese Viertel verirrte – die Mädchen eher als sie vor Zuhältern und Dieben zu schützen. Und vor ansteckenden Krankheiten wie Tripper, Syphilis oder Gonorrhoe konnte sie ohnehin niemand schützen. Binnen einen Jahres waren die meisten Prostituierten infiziert.

Die Karriere auf der Straße war in der Regel kurz, da Prostitution für viele nur eine zeitweilige Notlösung darstellte.  Außerdem zogen sich die meisten Frauen zurück sobald sie sich ihren Dreißigern näherten und das Alter begann seinen Tribut zu fordern. Manche versuchten sich an anderen Gelegenheitsarbeiten, machten sich mit einem ihrer Freier sesshaft oder bleiben bei dem was sie gelernt hatten und wurden ihrerseits Bordellbetreiberinnen. Denn neben allen Entbehrungen, Gefahren und Ausgrenzungen fanden die jungen Frauen unter Ihresgleichen auch Unterstützung und Kameradschaft, ja geradezu Ersatzfamilien. Die „Schwesternschaft“ finanzierte einander sogar Arztbesuche und Beerdigungen. Wer sich in ihr Milieu begab und erwartete, dort auf gehorsame und verschüchterte Mädchen zu treffen – so wie es in höheren Schichten durchaus üblich war – hatte nicht mit dem Selbstbewusstsein und der Tatkraft dieser Frauen gerechnet, die von Kindesbeinen an hart für jeden Penny kämpfen mussten.

Doppelmoral und Sünde

Von dieser ganz eigenen Welt im Zwielicht der Gassen dürfte der für gewöhnlich eher gutbürgerliche Gaslicht-Ermittler jedoch relativ wenig wissen. In der bürgerlichen Gesellschaft galten die „Gefallenen“ – also die Frauen welche ihre Ehre aufgegeben hatten – als eines der Hauptprobleme der degenerierten Moderne. Die Kluft der Unmoral tat sich auf zwischen den auf keusche Podeste erhobenen Hausfrauen und Töchtern aus guten Hause und den Prostituierten, denen eine veranlagte sexuelleund moralische Verkommenheit zugeschrieben wurde. Den Missbrauch von Alkohol und Drogen, Kriminalität und vor allem die Verbreitung von schädlichen Geschlechtskrankheiten – all dies suchte und fand man im Milieu der käuflichen Lust. Dennoch galt es für einen Mann keineswegs als ehrenrührig, in seinem „Sexualtrieb“ eine Professionelle aufzusuchen, selbst wenn er verheiratet war. Vielmehr war es ein „notwendiges Übel“; ein „Ventil, die Ehe rein zu halten“. Die Prostituierten aber waren die Ausgestoßenen dieser Gesellschaft.

Ein beispielhafter Besuch im einschlägigen Viertel könnte für einen interessierten Ermittler so oder so ähnlich von Statten gehen: Mit der Droschke in besagtem Straßenzug angekommen wird er direkt auf Schritt und Tritt von jungen Frauen angesprochen. Ihre Kleidung ist auffällig aber von billigem Fabrikat. Dabei bieten sie nur ihre „Begleitung“ an, alles andere darf per Gesetz auf offener Straße nicht abgesprochen werden. Doch unser Ermittler hat bereits etwas anderes im Sinn: Er nähert sich mit raschem Schritt – Uhr und Brieftasche aus Vorsicht vor überall lauernden Dieben nie aus den Augen lassend – einer kleinen Absteige, wo er die resolute Dame des Hauses speziell nach einer ihrer Mieterinnen fragt. Rasch herbeigeholt fragt diese Dirne unseren Gentleman ganz forsch, ob er ihr nicht vier Shilling geben wolle. Sie habe sich erst vor kurzem ärztlich untersuchen lassen. Ihre Zuneigung mag gespielt und sie unter irgendeiner Droge sein, doch es genügt. Er zahlt wortlos und folgt seiner Begleiterin auf ihr Zimmer…

Szenarioideen

Diese düstere Seite der viktorianischen Gesellschaft, in der bürgerlichen Vorstellungen einen bodenlosen Abgrund der Sünde vermuten, kann für die Gentleman-Ermittler einen sehr eindrucksvollen Kontrast zu ihrem typischen Milieu bilden, ohne dass dafür die Stadt verlassen werden müsste. Abscheu und Angst, aber auch Faszination und Verlockung gehen hier Hand in Hand. Und wer weiß welche Unaussprechlichkeiten in diesen Gassen vor sich gehen, vor denen die Obrigkeit die Augen verschließt?

  • Die Öffentlichkeit ist geschockt: Eine bisher unbekannte Geschlechtskrankheit scheint sich beinahe über Nacht zu einer echten Epidemie ausgeweitet zu haben. Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten sind inzwischen betroffen und die Medizin ist machtlos. Harte Maßnamen gegen die Prostituierten werden gefordert, schließlich tragen diese die Schuld! Oder?
  • Grausam verstümmelte Körper werden in den Seitengassen Whitechappels gefunden und Scotland Yard steht vor einem Rätsel. Alle waren Männer die regelmäßig einschlägige Etablissements aufgesucht haben. Die Sensationsblätter haben eine neue Topstory: Jane the Ripperess. Was steckt hinter dieser blutrünstigen Mordserie im schmutzigsten Viertel der Stadt?
  • Getuschelte Gerüchte über einen neuen Höhepunkt der Scheinheiligkeit in der Oberschicht Londons machen die Runde: Unbeschreibliche Sexualpraktiken mit schamlosen Kurtisanen, gottlose Männer aus dem Adel die tausend Pfund und mehr für Jungfrauen aus der Arbeiterschicht bezahlen – und wer würde es schon wagen sich dieser Dekadenz entgegenzustellen?

(Literatur: Judith R. Walkowitz: Prostitution and Victorian Society. -und- Roger Davidson / Lesley A. Hall [Hg.]: Sex, sin and suffering. – Alle verwendeten Bilder stammen von commons.wikimedia.org)

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