Call of Cthulhu – Dark Corners of the Earth

„Schrecken – der wahre Schrecken, der den Geist lähmt und mit seinen Alpträumen Narben darauf hinterlässt – er heilt niemals richtig.“

Start

Das für PC und XBox erschienene Call of Cthulhu – Dark corners of the Earth (kurz DcotE) hat inzwischen schon einige Jährchen auf dem schuppigen Buckel, ist und bleibt aber bis heute vermutlich die erfolgreichste und bekannteste Adaption einer Lovecraft-Story. Höchste Zeit diesen fischigen Shooter mit Schleich- und Rätseleinlagen noch einmal unter die Lupe zu nehmen und sich auf den von Pegasus für nächstes Jahr angekündigten Innsmouth-Band einzustimmen.

In diese düstere Hafenstadt nördlich von Arkham nämlich verschlägt es den Spieler in der Gestalt des abgehalfterten Privatdetektivs Jack Walters. Dort soll er das Verschwinden eines jungen Mannes aufklären, jedoch zeigen sich die Einheimischen alles andere als hilfsbereit. Aber Walters lässt sich nicht von seinen Nachforschungen abbringen und verstrickt sich immer tiefer in die grausigen Geheimnisse von Innsmouth und seiner degenerierten Bewohner. Doch die blasphemische Macht, die unter dem nahen Teufelsriff lauert, hat sich bisher noch jedes Eindringlings entledigen können und schon bald geht es für den Spieler ums nackte Überleben.

"Aussteigen, Fremder. Endstation!"

Wem diese Geschichte nun entfernt bekannt vorkommt, liegt vollkommen richtig. Bethesda Softworks (The Elder Scrolls IV, Fallout 3) hat sich mit DcotE ausgiebig bei Lovecrafts Kurzgeschichte „Schatten über Innsmouth“ bedient. Die Marsh-Familie, der Esoterische Orden des Dagon, das Gilman-Hotel – alles alte Bekannte, aber man freut sich dennoch sie wiederzuerkennen. Als passionierter Rollenspieler aber kommt man nicht umhin, noch etwas weiteres zu bemerken:

Der gesamte Plot ist nahezu eine 1:1-Übernahme der klassischen Chaosium-Kampagne „Escape from Innsmouth“ bzw. „Raid on Innsmouth“! Die Übereinstimmungen gehen sogar so weit, dass man mit den Heften neben dem Bildschirm seinen eigenen Fortschritt nachverfolgen kann. Ob man dies als Innovationslosigkeit oder Hommage betrachten will bleibt letztendlich Geschmackssache, Fakt ist: All die bekannten Orte tatsächlich vor Augen zu haben lässt schon so manches Kultistenherz höher schlagen.

Unter Kultisten sind alte Gemäuer sehr begehrt

Der Spielengine hingegen merkt man ihr Alter zudem deutlich an. Kantige Modelle, hölzerne Animationen, matschige Texturen und eine kaum vorhandene Spielphysik dürften Grafik-Fetischisten von vornherein abschrecken. Der Rest aber wird durch stimmungsvolle Effekte wieder versöhnt. Dunkelheit und Schatten sind gut in Szene gesetzt, Gegenlicht lässt Objektkanten leicht verschwimmen und die vielen liebevoll platzierten Details wie Müll, Bilder oder Zeichen des Verfalls sowie die unvermittelt kommenden, verzerrten Visionen und Flashbacks tun viel für das – im positiven Sinne – ungute Grundgefühl von DcotE.

In der Erzeugung dieser Gefühle von Furcht, ständiger Anspannung und Paranoia liegt auch die große Stärke des Spiels, und hier spielt es seine Asse aus. Hauptverantworlich dafür ist die beinahe perfekte Verschmelzung des Spielers mit seinem unglückseeligen Charakter. Dazu verzichtet DcotE vollständig auf Anzeigen wie Lebensbalken, Munition oder Status. Nichts trennt einen so vom Schrecken des nächtlichen Neuenglands. Alles was man sieht, sieht man durch die Augen von Jack Walters. Regentropfen und Blutspritzer nehmen einem die Sicht. Wenn der Walters Höhenangst oder Panik bekommt, beginnt sich das Sichtfeld einzuengen, zu verwackeln und die Farbwahrnehmung ändert sich.

Als Detektiv steht auch Recherche auf dem Programm

Aber mehr noch als die grafische Darstellung trägt die Geräuschkulisse zur dichten Atmosphäre bei. Der Wind saust unheimlich durch die Gassen, in denen die kehligen Stimmen der miteinander raunenden Dorfbewohner hallen. Fröhliche Grammophonmusik vermischt sich mit den Schreien der Sanatoriumspatienten und in den Momenten des Horros erklingt zwischen Jacks dröhnenden Herzschlägen nervenaufreibendes Flüstern – sein eigenes und das fremdartige in seinem Kopf. Tatsächlich wurde das Sanity-System rudimentär umgesetzt, weshalb stets die Möglichkeit besteht, dass sich Jack irgendwann die Waffe an den eigenen Kopf – bzw. den des Spielers – setzt und abdrückt. Bei welchem Spiel findet man soetwas schon?

Leider gibt es jedoch auch Situationen, bei denen all diese Kniffe einfach nicht genug sind um den Spielspaß aufrecht zu erhalten. Wer zum Beispiel beim unzähligsten Neustart der geradezu unfair kalkulierten Flucht aus dem Hotel keinen Wutausbruch bekommt, muss die Geduld eines Großen Alten haben. Hinzu kommt die unterirdische künstliche Intelligenz der Gegner, die als Ausgleich dafür aber nach ihrem Tod immerhin an den unmöglichsten Stellen immer wieder neu auftauchen und einen überraschend über den Haufen schießen, wenn man gerade krampfhaft dabei ist herauszufinden, wie und wo es in den labyrinthischen Gängen endlich weitergeht. Die Spannung der ersten, waffenlosen Stunden kann das Spiel trotz Horden von Tiefen Wesen leider nie mehr ganz erreichen.

Die "Urania" nähert sich dem Teufelsriff

Für wen ist Dark corners of the Earth also zu empfehlen? Shooter-Veteranen? Weniger. Diese dürften bereits durch den ruhigen Anfang, die Rätseleinlagen und das Lesen von seitenweise Tagebüchern und Manuskripten abgeschreckt werden. Adventure-Spieler? Auch nicht. Die verlieren vermutlich den Spaß, wenn schließlich mit Pistolen und Gewehren dutzende Tiefe Wesen und deren Hybride niedergestreckt werden müssen.

Cthulhu-Fans und Rollenspieler, die gegen beide Genres nichts einzuwenden haben und bereit sind, für die einzigartige Stimmung von DcotE kleinere Abstriche zu machen? In jedem Fall. Diese erwartet eine authentische und grausige Reise quer durch die Geheimnisse von Lovecrafts berühmtestem Hafenstädtchen und weit darüber hinaus. Für Spielleiter, die im nächsten Jahr Inspiration und Anregung für die Darstellung Innsmouths suchen, kann sich dieses Spiel sogar als echte Goldgrube erweisen. Und wenn man nur die reichhaltigen Sound-Dateien nach nützlichen Effekten und Musik durchstöbert.

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Stunning Eldritch Tales

Trail of Cthulhu, Abenteuersammlung von Robin D. Laws, Pelgrane Press, Sprache: Englisch, Softcover, 82 Seiten, $ 17,95] – www.amel.tk

Stunning Eldritch TalesMit „Stunning Eldritch Tales“ präsentiert Pelgrane Press die ersten Abenteuer für „Trail of Cthulhu“. Das mit 82 Seiten recht dünne Heft enthält vier komplette Abenteuer.

Doch zuerst die Grundlagen: Das Heft ist schwarzweiß im gleichen hervorragenden Layout wie „Trail of Cthulhu“. Auch die Zeichnungen sind genauso stimmungsvoll wie die des Grundbuchs. Das Cover lässt mich zwar kalt, passt aber hervorragend zur Prämisse des Bandes, vier „heart pounding Pulp Adventueres“ zu liefern. Einziges Manko ist die Tatsache, dass es per Digitaldruck erstellt wurde und die Buchqualität dementsprechend verbesserungswürdig (aber akzeptabel) ist.

Alle vier Abenteuer sollen im Pulp-Modus gespielt werden (im „Trail“ wird zwischen „Pulp“ und „Purist“ und je nach Spielmodus ein paar Regeln unterschiedlich gehandhabt). Laws zeigt bei allen vieren – mit einer möglichen Ausnahme -, dass Pulp und Cthulhu nicht nur kompatibel sondern praktisch nicht voneinander trennbar sind.

Mit „The Devourers In The Mist“ beginnt das Buch auch gleich mit meinem Favoriten der Sammlung. Es ist angelehnt an die klassischen Mensch-gegen-die-Natur-Geschichten. Die Charaktere (fünf vorgefertigte Figuren für Interessierte werden mitgeliefert) stranden auf einer einsamen, auf keiner Karte verzeichneten Insel. Dort kämpfen sie aber nicht nur gegen die Natur, wie man sich denken kann, sondern auch noch gegen weit unheimlichere Gegner. Das Abenteuer ist kurz und direkt, sehr leicht vom Spielleiter zu formen und außerordentlich spannend. Es eignet sich hervorragend für Spiele auf Cons und ein Textkasten erklärt sogar, was man dabei beachten sollte).

„Shanghai Bullets“ ist wesentlich länger. Ein katholischer Priester, Hobby-Archäologe und möglicher Spion ist in Shanghai verschwunden. Er schickte eine mysteriöse Nachricht über eine schreckliche Entdeckung an einen Bekannten, die sein Verschwinden in einem cthuloiden Licht erscheinen lässt. Die Charaktere geraten mitten ins organisierte Verbrechen und in die Schusslinie zwischen mehreren rivalisierten Gruppen. Die Kulisse ist allein etwas Besonderes, wenn man jedoch in einem internationalen Schmelztiegel einer Stadt, die kein westlicher Geist jemals völlig verstehen kann, zwischen die Fronten der Triaden gerät und auch noch der Mythos eine Rolle spielt, sind ein paar erinnerungswürdige Spielabende praktisch garantiert. Sehr erfrischend ist die Tatsache, dass sich die Informationen über Shanghai auf ein paar spielrelevante Textkästen und zwei Internetlinks mit dem Hinweis man möge bei Interesse das Internet für Hintergrundinfos bemühen, beschränken

„Death Laughs Last“ hat mir nicht so gut gefallen, was aber weniger an der Qualität des Abenteuers als an seinem Thema liegt. Der maskierte Rächer, der unerkannt auf Verbrecherjagd geht – aus Pulp-Heften zugegebenermaßen nicht wegzudenken – ist nicht das, was ich mir bei Cthulhu wünsche. Der „Penitent“ ist aber eine Figur, die verhältnismäßig gut in eine cthuloide Geschichte passt – wie gut, werden die Spieler erst gegen Ende herausfinden. Ein unerwarteter Gegner und eine witzige Pointe sorgen jedenfalls für Spielspaß.

„Dimension Y“ ist ein echter Gruselschocker. Bei der Vorführung einer Maschine, die die titelgebende „Halbrealität“ sichtbar machen soll, geht irgenetwas schief. Zunächst scheint es einfach nicht funktioniert zu haben, doch Alpträume und merkwürdige Ereignisse in den Wachzeiten sorgen dafür, dass die Charaktere die Maschine und alles, was damit zu tun hat, genauer untersuchen müssen. Es gibt einen Wettlauf gegen die Zeit, der die ansonsten vielleicht etwas eintönige Detektivarbeit mehr als aufregend macht. Laws schafft es außerdem, viele der üblichen Cthulhu-Klischees (nicht-euklidische Geometrie, der EInfluss von Mythos-Gottheiten auf die Erde, etc.) zu veranschaulichen. Und am Ende wartet sogar eine „plötzliche, schrecklich kursiv geschriebene Enthüllung“ auf die Charaktere.

Die kontrovers diskutierten Gumshoe-Regeln, die „Trail“ benutzt, werden jederzeit hervorragend umgesetzt. Hatte ich bisher meine Zweifel, ob sie in meinem Spiel funktionieren würden, veranschaulicht diese Sammlung, dass sie es tun.

Mit allen vier Abenteuern zeigt uns Laws, wie man mit relativ einfachen Mitteln spannende Abenteuer entwickeln und knappen Worten verständlich zu Papier bringen kann. Es gibt ja gerade bei erwachsenen Cthulhu-Spielern mit Berufsleben und Familie einige, die kurze Abenteuer ohne für erfahrene Spielleiter unnötige Regieanleitungen bevorzugen. Was sie brauchen sind Abenteuer, die es auf den Punkt bringen und abwechslungsreiche Unterhaltung liefern. Diesen Spielern im Besonderen – aber auch jedem anderen – sei „Stunning Eldritch Tales“ empfohlen.

– Andreas Melhorn

B.U.A.P. Band 2 – Die Froschplage

Und doch sah ich sie – ein nicht enden wollender Strom watschelnder, hopsender, quakender, blökender Gestalten, der sich unmenschlich unter dem gespenstischen Mond wie in einer grotesken, bösartigen Sarabande aus einem phantastischen Alptraum dahinwälzte.
-H. P. Lovecraft
Schatten über Innsmouth

B.U.A.P.? Klingt komisch, was soll das sein? Hinter den kryptischen Kürzeln verbirgt sich die „Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen“ (oder wie es im englischen Original heißt: „B.P.R.D. – Bureau for Paranormal Research and Defense), welche einigen sicherlich aus Hellboy bekannt ist. Wir haben es hier also mit einem Einsatzteam zu tun, dass dann seinen Auftritt hat, wenn etwas ganz und gar nicht normal verläuft. Wenn Hexen, Dämonen oder Untote Ärger machen, dann gibt es da jemanden, der sich darum kümmert.

Das Team

Stellen wir das Team (oder sagen wir zumindest ein Teil des Teams, denn die Behörde hat noch zahlreiche andere Mitarbeiter) doch einmal kurz vor, bevor wir uns seinen Missionen widmen:

Abraham „Ape“ Sapien ist ein Amphibienmensch mit geheimnisvoller Herkunft, der an ein freundliches Tiefes Wesen aus Innsmouth erinnert.

B.U.A.P. Team

Johann Kraus, ein Medium das mehr Geist als Körper ist und mit den Verstorbenen in Kontakt treten kann.

Liz Sherman, eine junge Frau die über pyrokinetische Kräfte verfügt.

Roger ist ein Homunkulus, ein aus menschlichem Blut und Kräutern erschaffenes Wesen, das durch die Kräfte von Liz zum Leben erweckt wurde.

Dann wäre da noch Dr. Kate Corrigan, eine ehemalige Professorin mit den Fachgebieten Volkskunde und Okkultismus.

Tja und eigentlich fehlt nur noch Hellboy. Aber der hat die Behörde inzwischen (Hellboy Band 6 – Sieger Wurm) verlassen und ist nach Afrika unterwegs (Hellboy Band 7 – Seltsame Orte), wo er auch genug allein zu tun hat. Wie die B.U.A.P. nach Hellboys Rückzug mit dem Verlust umgeht, liest man in B.U.A.P. Band 1 – Hohle Erde. Wir widmen uns jedoch direkt dem 2. Band und der Froschplage.

Die Mission

Das Team ist vorgestellt, schauen wir uns doch an, wie sie ihre Arbeit machen, ohne allzu viel zu verraten. Band 2 erzählt insgesamt drei Geschichten, zwei kürzere (Dunkle Wasser & Im Osten nichts Neues) und eine längere (Die Froschplage), wobei die Froschplage der Auftakt zum großen Metaplot der B.U.A.P. ist und unmittelbar mit den Ereignissen aus Hellboy Band 1 – Saat der Zerstörung verknüpft ist.

B.U.A.P.Dunkle Wasser berichtet von einem kleinen Städtchen namens Shiloh, irgendwo an der Küste Neuenglands, unweit entfernt vom hexenverseuchten Salem. Alles beginnt so harmlos, denn in der „Kabeljauhauptstadt“ soll der schlammige Pfuhl, den die Einwohner als Teich bezeichnen, abgepumpt werden, um Raum für touristische Veränderungen zu schaffen. Leider holt die Stadt Shiloh die Vergangenheit ein, denn auf dem Grund des Teichs liegt weitaus mehr als Schlamm und Dreck… Ape Sapien und Roger nehmen die Ermittlungen auf! Tolle Geschichte mit großartigem Auftakt und einem erschreckenden Ende. Von da an, war ich von der Geschichte um die B.U.A.P. gefesselt.

Im Osten nichts Neues ist ein kleines Intermezzo von zehn Seiten, in der sich Ape Sapien und Johann Kraus im felsigen Moldawien gegen einen uralten Adligen und Untote erwehren müssen. Gerade wenn die Atmosphäre stimmt, ist die Geschichte auch schon wieder zu Ende, doch als kleines Bonbon ist sie für zwischendurch wirklich nett.

Nun das Herzstück des Bandes – Die Froschplage. Seltsames geht vor in einem heimlichen Labor und nach einem Überfall durch einen Professor, wird das Team der B.U.A.P. hinzugezogen. Die Geschichte entwickelt sich sehr schnell, gewagte Experimente und unheimliche Metamorphosen gehen zusammen und spannen eine lovecraftsche Story, die auf Hellboys erstes Abenteuer fußt. Es wäre tragisch die Geschichte schon hier zusammenzufassen, denn von glitschigen Grünhäuten und einen Blick in Ape Sapiens Vergangenheit, bis hin zu einer Inkarnation eines gottgleichen Wesens, bietet die Froschplage genug zu entdecken. Ein guter Start für einen packenden Metaplot und genug zu tun für die B.U.A.P.

Der Gesamteindruck

B.U.A.P. sieht erstmal richtig gut aus. Es ist ein Hardcover, das Papier ist dick und der Inhalt wurde exzellent von Guy Davis illustriert. Im Gegensatz zum ersten Band von B.U.A.P. ist der zweite Band in Farbe gehalten (wobei der Nachdruck des ersten Bandes bald auch in Farbe erscheint) und hat rund 170 Seiten.

Ich kannte vorher weder Hellboy (vom Kinofilm einmal abgesehen) noch B.U.A.P. und war daher äußerst positiv überrascht. Anspielungen auf Lovecraft gibt es genügend. Allein die Kreaturen der Froschplage erinnern an ein kleines Dörfchen in Neuengland namens Innsmouth und auch von der Atmosphäre her, tritt Mignola in die Spuren des kosmischen Grauens. Natürlich auf eine deutlich pulpigere Art und Weise.

Insgesamt also ein schöner Comic, oder wie man mittlerweile sagt Graphic Novel. Das lesen macht Spaß, ist leider viel zu schnell vorbei und es bleibt der Hunger nach Band 3. Jeder der Freude an so was hat, sollte mal einen Blick in die wunderschöne Ausgabe riskieren. Einzig der Preis von 19,80€ könnte abschrecken, aber hey: Es lohnt sich und was ist heute schon umsonst?! Wer nicht die Katze im Sack kaufen will, findet bei CrossCult eine kleine Leseprobe.

Cthulhu im Gaslicht – Schatten über Baker Street

Schatten über Baker StreetVor allem aus Comicbüchern jedweder Coleur ist das Phänomen des sogenannten Crossovers bekannt, also das Zusammenführen und Verschmelzen von Charakteren und Hintergründen aus eigentlich voneinander unabhängigen Werken. Und tatsächlich wirkt das Konzept des Bands Schatten über Baker Street – wie der Name schon andeutet im Rahmen der Sherlock Holmes-Reihe beim Bastei Lübbe-Verlag erschienen – auf den Ersten Blick recht abenteuerlich: „Die surreale, makabere Welt des H.P. Lovecraft bricht mit gewaltiger Macht in das rationale, logische Universum des größten Detektivs aller Zeiten“ verkündet der Klappentext vollmundig und schreibt sich damit gewissermaßen die Wiedervereinigung zweier maßgeblich von E.A. Poe inspirierter Literaturgenres auf die Fahnen.
Da ich selbst ein bekennender Fan beider Seiten dieser scheinbar ungleichen Hochzeit bin, habe ich mich natürlich mit großen Hoffnungen aber durchaus auch skeptischen Fragen an die Lektüre dieser Anthologie gemacht, in der sich zwanzig Genreautoren mit achtzehn chronologisch geordneten Kurzgeschichten an der Aufgabe versucht haben, rationale Detektivgeschichte und kosmischen Schrecken zu verschmelzen. Mit teilweise sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Ein Pluspunkt vorweg: Die kurze Einleitung, verfasst von Michael Reaves und John Pelan, den Herausgebern dieser Geschichtensammlung, ist endlich einmal lesenswert und führt den Leser sehr gut in die Problemstellung ein, der sich die Autoren auf den gut fünfhundert nachfolgenden Seiten gewidmet haben und liefert mir als Rezensenten gleichzeitig dankenswerterweise eine klare Richtlinie, um die Geschichten und den Band zu bewerten: Wie glaubwürdig werden die Protagonisten, allen voran Sherlock Holmes, auf den Cthulhu-Mythos reagieren und wie innovativ und durchdacht glückt die Symbiose von Doyles und Lovecrafts Welten?

Es folgt nun jeweils eine kleine Besprechung der einzelnen Storys. Wer stattdessen lieber ein rasches Fazit lesen möchte, der findet dies – wie zu erwarten – ganz am Schluss.

Den Anfang macht Eine Studie in Smaragdgrün von Neil Gaiman, dem wohl größten Namen unter den vertretenen Autoren. Und er macht ihm alle Ehre: Es beginnt mehr oder weniger wie ein gewöhnlicher Fall für die beiden Protagonisten, als Scotland Yard den einzigen beratenden Detektiv Londons um Mithilfe in einem Mordfall ersucht. Dann jedoch gelingt es Gaiman, dem Leser mit beeindruckender Selbstverständlichkeit den Boden unter den Füßen wegzuziehen und ihn für den Rest der Geschichte mit kleinen und großen Blicken hinter den Vorhang der heilen Welt im freien Fall zu halten. Und tatsächlich ist nichts so, wie man es aus Gewohnheit erwartet.
Eine Studie in Smaragdgrün ist im Grunde eine klassische Sherlock Holmes-Geschichte, nur dass Lovecrafts Mythos die Spielregeln grundlegend geändert hat und man nach dem Eintauchen in das sehr kreativ zu Ende gedachte Setting fasziniert und verstört zugleich zurückgelassen wird. Ohne zu viel verraten zu wollen: Wirklich ein inspirierender Einstieg nach Maß und deutlich die beste Geschichte des Bandes.

Gegen dieses kleine Meisterstück hat es Elizabeth Bear mit Tiger! Tiger! nicht leicht, doch glücklicherweise schafft sie eine gänzlich andere Umgebung und kommt sogar ganz ohne die Helden aus der Baker Street aus. Stattdessen folgen wir in dieser Kurzgeschichte, deutlich von Rudyard Kipling inspiriert, einer bunt gemischten Jagdgesellschaft in den indischen Dschungel, wo ein menschenfressender Tiger sein Unwesen treiben soll. Doch schon bald müssen die Besucher aus dem Westen erkennen, dass fernab der Zivilisation noch ganz andere Mächte am Werk sind.
Hier treffen zwei bekannte Holmes-Gegenspieler in einer internationaler Intrige aufeinander, die sich um äußerst fremdartige Dinge dreht. Eine solide und stimmungsvolle Expeditionsgeschichte mit Kolonialfeeling, die jedoch auch gut ohne den eingebrachten Mythosbezug ausgekommen wäre.

Nicht zurück in die Baker Street 221b sondern nach New York führt dann Steve Perrys Der Flammendolch. Dort sucht eine exotische Fremde den gastierenden Sherlock Holmes auf und es entbrennt ein geistiges Kräftemessen, denn die Waffe, die der Detektiv seiner bemerkenswerten Klientin beschaffen ist nicht für einen normalen Kampf gedacht.
Dem martialischen Titel zum Trotz eine relativ ruhige Geschichte die im Grunde nur das Gespräch umfasst und eine nette Charakterstudie ist. Für Rollenspieler jedoch eventuell von größerem Interesse, da Perry eine gute Anregung liefert um die Figur des Sherlock Holmes unaufdringlich und gewinnbringend ins Spiel einzubeziehen.

Dass der Meister der Deduktion jedoch auch vor eigenen Reisen nicht zurückschreckt beweist Ein Fall von königlichem Blut, in welchem Steven-Elliot Altman den bekannten Ermittler an den niederländischen Königshof schickt, begleitet allerdings nicht von Dr. Watson sondern dem Erzähler, einem gewissen H.G. Wells. Und dies aus gutem Grund, denn tatsächlich soll ein Poltergeist den ruchlosen Anschlag auf die Prinzessin verübt haben! Tatsächlich geht irgendetwas seltsames im Schloss um, zumal die einzigen Personen mit Motiv schon lange verstorben sind.
Was beginnt wie eine klassische Gothic-Horrorstory offenbart bald durch seltsame Träume und den Fund verbotener Bücher die wahren Hintergründe des durchaus interessanten Falles mit einigen sehr gelungenen Wendungen. Leider zeichnet Altmann jedoch Holmes‘ eigene Position zum Rationalität/Mythos-Dilemma nur sehr schwach und umgeht somit die größte Herausforderung.

Anschließend bekommen wir dank James Lowders Die weinenden Masken einen Einblick, was Dr. Watson in seinem oft bemühten Militärdienst in Afghanistan erlebt hat und was wohl so schrecklich war, dass er es seinem engsten Freund über all die Jahre verschwiegen hat. Denn die Hölle des Schlachtfelds ist nur die Hälfte der Geschichte, dem wahre Grauen begegnet Watson in einem abgelegenen Dorf, wo maskierte Priester stumme Tränen über die Sterbenden vergießen. Als dann auch noch Watsons einziger verbliebener Kamerad verschwindet, beschließt dieser, der schweigenden Kaste auf den Grund zu gehen.
In Watsons Vergangenheit findet Lowder eine passende Umgebung für eine in eindrucksvollen Bildern geschilderte Geschichte und beleuchtet die Auswirkungen des kosmischen Schreckens in der lovecraftscher Tradition, wo sowohl Glaube als auch Rationalität versagen. Eindeutig einer der besten Beiträge zu diesem Band.

Wer Kunst im Blut hat muss sich nicht unbedingt glücklich schätzen, wie Brian Stableford durch die Erzählungen Sherlock Holmes‘ schildert. Dieser sucht nämlich seinen Bruder Mycroft auf, da der Meisterdetektiv tatsächlich mit seinem Latein am Ende, ja regelrecht verzweifelt ist. Tatsächlich ist die seltsame körperliche Veränderung die seinen Klienten befallen hat höchst merkwürdig. Der Seemann selbst sogar behauptet, es würde ein Fluch auf der nur grob menschenähnlichen Statuette lasten, welche er von seinem sterbenden Kapitän erhalten hat.
Lovecraft-Kenner werden den Braten respektive den Fisch wohl schon jetzt gerochen haben und liegen damit sogar nahezu richtig, was die ansonsten recht tiefgründige Story natürlich ihrem Reiz berauben kann. Doch zumindest weiß Stableford noch eine recht pulpige Erklärung unterzubringen, warum die Gebrüder Holmes beide vor Genialität strotzen (man beachte den Titel), auch wenn diese eher Geschmackssache sein dürfte.

Das Fastende Mädchen von Poppy Z. Brite und David Fergusson lässt Holmes und Watson endlich wieder gemeinsam auf Ermittlung gehen – und die zu untersuchenden Ereignisse sind in der Tat mysteriös: Eine junge Frau, die seit drei Jahren weder gegessen noch getrunken hat und dennoch am Leben ist. Seit sie damals in Griechenland in einem abgelegenen See schwimmen war nimmt sie nichts mehr zu sich, leidet an Gedächtnisschwund und interessiert sich zudem für obskure arabische Literatur. Holmes nimmt die Herausforderung mit erstaunlichem Eifer an.
In dieser recht einfachen Geschichte fällt es leider noch leichter, den Mythos-Hintergrund zu erraten als in der vorangegangenen, dafür wird dem Leser eine interessante Charakterisierung des großen Detektivs präsentiert. Denn da Lovecrafts Kreaturen niemals übernatürlich waren, leuchtet es ein, dass sich Sherlock Holmes durchaus auch ohne Sinnkrise in kosmische Geheimnisse stürzt.

Je älter eine Familie ist, desto eher sollte man sich von ihr fernhalten, wenn man Lovecraft glauben mag. Und Die Nichte des Altertumsforschers stammt aus einer sehr alten Familie! Natürlich lässt sich der ehrgeizige Detektiv dennoch nicht davon abhalten, sich einmal näher mit ihren düsteren Anverwandten in der übel beleumdeten Abtei auseinanderzusetzen. Gut dass Holmes mit einem gewissen Mr.Carnaki einen fähigen Gaststar mit Rat und Tat zur Seite stehen hat. Weniger Glück hat dagegen Dr. Watson, der bald in eine äußerst körperliche Außeinandersetzung mit dem alten Hausherren gerät.
Barbara Hamblys Bemühungen, den Stil der großen Vorbilder nachzuempfinden, sorgen für eine vertraute Atmosphäre und sollen an dieser Stelle lobend erwähnt werden. Leider greift auch diese Geschichte, ebenso wie die beiden vorherigen, ein doch recht bekanntes Thema auf, aber zumindest erweitert sie es engagiert, so dass sich auch Lovecraft-Leser noch bereichert fühlen können. Besser als der Durschnitt.

Wem das Ende von Die Nichte des Altertumsforschers zu pulpig war, der sollte vor John Pelans Das Geheimnis des Wurms vielleicht gut durchatmen. Schließlich sind die Geschichten von Unsterblichkeit und Äthernauten, die der rätselhafte Dr. Nikola zusammen mit drei noch rätselhafteren Gegenständen – darunter der namensgebende Wurm im Glas – in die Baker Street 221b bringt nicht gerade kleinkalibrig. Der mechanische ‚Uhrwerkmann‘, Gehilfe des riskanten Experiments, tut sein übriges.
Von Arthur Conan Doyle ist hier kaum etwas zu spüren, Holmes und Watson verkommen zu Platzhaltern und sind nur durch die obligatorische Deduktionsdemonstration als solche zu erkennen. Stattdessen präsentiert sich dem Leser ein klassischer aber unspäktakulärer Thriller zwar im Stil Lovecrafts aber leider ohne größere Überraschungen.

Es existiert eine beachtliche Anzahl von Spielfilmen mit dem britischen Meisterdetektiv und bei der Lektüre des Beitrags von Paul Finch hat man beinahe das Gefühl, Sherlock Holmes und Das Rätsel des Gehenkten im Fernsehen zu verfolgen. Unzählige Menschen werden sterben, sofern es den beiden Helden nicht gelingt, die Aufgabe des zum Tode verurteilten zu lösen. Völlig ohne störende Werbeunterbrechungen spitzen sich die Ereignisse zu, während Holmes und Watson durch die Londoner Unterwelt eilen um ganz London vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren.
Mit Das Rätsel des Gehenkten schafft Finch eine und abwechslungsreiche Symbiose zwischen Detektivfilm und Lovecraft-Horror, wobei es ihm gelingt, die Fallstricke der bloßen Imitation gekonnt zu umgehen. Rasches Tempo und bildliche Beschreibungen erzeugen immer wieder eine sehr unterhaltsame cineastische Stimmung und heben diese Geschichte positiv hervor.

Im Anschluss daran muss Dr. Watson feststellen: Das Grauen hat viele Gesichter. Und eines davon scheint tatsächlich seinem engsten Freund zu gehören! Eine bestialische Mordserie versetzt London in Angst und Schrecken und Watson muss mitansehen, wie Sherlock Holmes selbst sich als der Mörder entpuppt. Verraten und Verzweifelt hadert der Arzt mit dem Erlebten, während die Polizei mit jedem Verbrechen mehr im Dunkeln tappt.
Tim Lebbon eröffnet seine Erzählung mit einem Paukenschlag, der Großes hoffen lässt. Doch viel zu schnell entzaubert er seine Geschichte selbst und lässt den Leser bereits nach wenigen Seiten den klischehaften Hintergrund erraten. Was dann noch bleibt ist ein Diskurs über Wahrnehmung, Freundschaft und Vertrauen, aber die Luft ist zu früh raus. Einzig die düstere Reaktion des rationalen Sherlock Holmes auf den unfassbaren Schrecken ist noch lesenswert. Vertane Chance.

Eine alte Freundin aus Watsons Zeit in Afghanistan sucht anschließend überraschend das britische Ermittlerduo auf. Doch alte Liebe scheint durchaus zu rosten: Die angereiste Dame interessiert sich mehr für Das Manuskript des Arabers als für ihren ehemaligen Geliebten. Als gelehrter Mann kann Sherlock Holmes den Berichten der Afghanin Düsteres entnehmen und zu dritt macht man sich an die Wiederbeschaffung des gefährlichsten Buches aller Zeiten.
Von Michael Reaves selbst verfasst, eröffnet dieser Beitrag interessante Einblicke in die Gefühlswelt des ewigen zweiten Mannes Watson und erhebt ihn deutlich zur Hauptfigur. Leider ist der Handlungsablauf sehr gradlinig und wirkt hier und da leicht konstruiert. Wenn auch nichts herausragendes, so ist Das Manuskript des Arabers doch zumindest eine grundsolide Story, bezeichnent für die gesamte Anthologie.

Dass manche Berufsgruppen riskanter sind als andere ist gemeinhin bekannt. Der ertrunkene Geologe von Caitlín R. Kiernan wirft allerdings doch so manche Fragen auf. Und überhaupt ist der Brief aus Whitby an Dr. Watson voller merkwürdiger Berichte: Der Kollege des rätselhaft verstorbenen Wissenschaftlers schreibt von einem verstörend bekannten Fremden und unmöglichen Einschlüssen in uralten Gesteinsschichten. Und was hat es mit dem vor der alten Hafenstadt gestrandeten Geisterschiff Demeter auf sich?
Der stilistische Kniff mit dem kontextlosen Brief ist eher Lovecraft als Doyle und auch Holmes und Watson sucht man hier vergebens. Dafür offenbart sich ein hübsches Sammelsurium an Anspielungen, Querbezügen und Möglichkeiten die zum Spekulieren anregen. Leider passiert aber auch nicht wesentlich mehr und echte Spannung will nicht recht aufkommen. Schlußendlich Geschmackssache.

Ein Fall von Schlaflosigkeit plagt anschließend Sherlock Holmes in John P. Vourlis‘ gleichnamiger Geschichte und er ist nicht der Einzige: Ein ganzes Städtchen in Nordengland leidet unter der gleichen Unannehmlichkeit! Nicht dass dies als Grund des raschen Aufbruchs Holmes dorthin wäre, er folgt lediglich den Lieferungen von Schlafdrogen, die in London nicht mehr zu bekommen sind. Doch in der Provinz angekommen berichten die Dörfler gar von einem grässlichen Untier!
Was beginnt wie ein mustergültiger Auftakt zu einem viktorianischen Roadmovie bleibt wesentlich zahmer als man vom unterhaltsamen Anfang erwarten könnte. Erneut erwartet den Leser ein netter aber durchschnittlicher Beitrag, dem jedoch zumindest eine gute Mischung der beiden Genres gelingt. Spätestens die unbefriedigende Bearbeitung des Rationalität/Mythos-Dilemma verhindert jedoch ein positives Hervorstechen der Story.

Wer bisher den klassischen bösen „Kult der Woche“ vermisst hat, wird in Richard A. Lupoffs Das Voorische Zeichen nicht enttäuscht werden. Eine echte Lady sucht die Baker Street 221b auf, da um Hilfe bei der Suche nach ihren Anverwandten zu erbitten. Holmes erfährt von der Klientin Verstörendes bezüglich eigenartiger Umbaumaßnahmen und der frischvermählten Gattin des vermissten Bruders – diese osteuropäische Adelige gehört nämlich keinesfalls der orthodoxen Kirche an…
Wer sein Herrenhaus (wortwörtlich!) aus Kohle erbaut, kann davon ausgehen, dass es beim obligatorischen Showdown in Flammen aufgehen wird. Nachdem diese Merkwürdigkeit aus dem Weg ist bleibt die Erkenntnis, dass man eine weitere geradlinige Geschichte ohne größere Inspiration hinter sich gebracht hat. Fairerweise will ich nicht ausschließen, dass die Abnutzungserscheinungen nach mehreren ähnlichen Storys den Eindruck getrübt haben könnten.

Das Buch neigt sich bereits dem Ende zu, da weckt Entscheidung auf Exham Priory vielversprechende Erinnerungen an Lovercrafts Ratten im Gemäuer und lässt auf eine inspirierende Geschichte hoffen. Ein eigentümlicher Klient bringt ein Artfakt mit sich, welches Holmes nötigt, von seinen Erlebnissen mit dem „Grauen von Reichenbach“ zu berichten. Und nicht zufällig führt der Weg dann ins abgelegene Cornwall und hinab in die Krypta der Priorerei, wo es zu einem Zusammentreffen mit alten und uralten Feinden kommt.
Beinahe stolpert Autor F. Gwynplaine MacIntyre direkt zu Anfang über altbekannte fischige Elemente und die Hoffnung auf Innovation schwindet. Kreativ und mit spürbarem Vergnügen gelingt es MacIntyre dann jedoch, von einer bloßen Weiterführung der Lovecraft-Storys abzusehen und eigene Wege zu beschreiten, wobei er britisches und kosmisches auf spannende Art zu verbinden weiß. Ein Lichtblick und qualitativ im oberen Drittel.

Für keinen Arzt ist es gut, jemanden zu Unrecht für tot erklärt zu haben. Doch wie sonst soll es sich Dr. Watson in Der Tod stand ihm nicht gut von David Niall Winson und Patricia Lee Macomber erklären, dass plötzlich der eigentlich Verstorbene wieder samt Anwalt und Verwandtschaft vor seiner Tür steht? Erschüttert wendet sich der Doktor an seinen Freund Holmes und gemeinsam beginnt die Jagd nach alten Geheimnissen und einem wandelnden Toten.
Diese Story kann sich, trotz der leider recht offensichtlichen Vorkommnisse, ihre Mysteriösität für eine Weile bewahren, jedoch nur aus dem Grund, dass nicht Herbert West sondern ein kabbalistischer Rabbi hinter dem Spuk steckt. Man könnte dies strenggenommen als absolut Lovecraftfremd werten, womit diese Geschichte eigentlich komplett am Thema von Schatten über Baker Street vorbeigeschrieben wäre. Abgesehen davon finden sich, wenn man einmal auf den Lehmtrichter gekommen ist, kaum noch Überraschungen.

Als letzter Beitrag folgt Simon Clarks Albtraum auf Wachs in dem auch das Zeitalter des Gaslichts mit dem hereinbrechenden Weltkrieg sein Ende findet. Watson ist allein, als er von drei hochrangigen Regierungsvertretern aus dem Schlaf gerissen wird. Im Wohnzimmer des Doktors bauen die Besucher einen modernen Phonographen mit Wachszylindern auf und lassen Dr. Watson – und den Leser natürlich ebenso – Zeuge von dramatischen Ereignissen werden und werfen ein neues Licht auf die Duelle zwischen Sherlock Holmes und seinem größten Erzfeind.
Nahezu komplett im im hörspielähnlichen Stil der Aufnahmen gehalten, gelingt es Clark ein fesselndes Erlebniss zu schaffen, indem er dem Leser nie ein fertiges Bild vorsetzt, sondern dessen Phantasie für seine Zwecke nutzt. So deutet er vieles nur an, lässt andere Personen berichten und umschreiben was sie sehen. Dass der Autor diese „erzählerische Milchglasscheibe“ zu einem positiven Effekt einsetzen kann, zeichnet ihn aus und beschert Schatten über Baker Street einen erfrischend fantastischen und gebührenden Abschluss.

Auf den letzten neun Seiten werden zu guter Letzt noch die Autoren in jeweils ein paar Zeilen vorgestellt. Einiges Wissenswertes über andere Projekte oder Anekdoten bezüglich der Ersterfahrungen mit dem Genre sind dort zu finden, ebenso wie die kleine obligatorische Eigenwerbung oder humoristische Kommentare.

Aber nun zum langersehnten Fazit: Die besprochene Anthologie hat das sich Ziel gesetzt, eine Symbiose zwischen Arthur Conan Doyles legendären Sherlock Holmes-Geschichten und Howard Phillips Lovecrafts Cthulhu-Mythos zu schaffen. Und um es kurz zu machen: Es ist gelungen.
Elemente beider Meister wurden in unterhaltsamen Kurzgeschichten vereint und die Lektüre von Schatten über Baker Street hinterlässt das befriedigende Gefühl zweier zusammenpassender Puzzleteile. Allzu hohe Erwartungen werden wohl allerdings dennoch nicht erfüllt werden, da nur eine gute Handvoll von Autoren wirklich innovative und hervorragende Beiträge abgeliefert haben. Auf der anderen Seite ist das Gros der Storys grundsolide und keineswegs schlecht; der mehr als faire Preis von 8€ für das Taschenbuch stimmt zusätzlich milde.
Das einzige wirkliche Problem des Bands könnte im Zielpublikum liegen. Eingefleischt Holmes-Anhänger werden über die teilweise fragwürdigen Reaktionen des Meisterdetektivs möglicherweise die Nase rümpfen, ebenso wie fachkundige Lovecraft-Jünger angesichts des hier und da doch recht fadenscheinig eingebrachten Mythosbezugs. Ein Fan beider Genres dagegen kann eigentlich bedenkenlos zugreifen – und sollte dieser Jemand schließlich auch noch die Absicht hegen, die viktorianische Welt des Sherlock Holmes in seine Cthulhu-Rollenspielrunde miteinzubringen, wird Schatten über Baker Street zu einem Pflichtkauf. Zu reichhaltig eröffnen sich dem aufmerksamen Spiel(leit)er Anregungen, kreative Ansätze und Adaptionsideen für seine ganz eigenen Pläne rund um den kosmischen Schrecken im Schein der Gaslaternen.

Stefan Droste

Prestige – Die Meister der Magie

Jedes Wort in diesem Bericht ist wahr, mein Leben liegt offen vor Ihnen. Meine Hände sind leer, und ich hefte meinen ehrlichen Blick auf Sie. So habe ich gelebt, und doch wird nichts enthüllt.
Ich werde allein bis zum Ende gehen.

– aus dem Tagebuch von Alfred Borden

Das hier ist keine Rezension, sondern nur eine kurze Buchvorstellung zu einem wirklichen schönen Roman, der exzellent von Christopher Nolan verfilmt wurde. Wer sich die Filmrezension ansehen möchte, kann dies gerne hier tun, alle anderen können einfach weiter lesen und herausfinden ob sie sich für Christopher Priests Buch Prestige – Die Meister der Magie erwärmen können.

Was bringt es mir eigentlich einen Roman zu lesen, wenn ich den Film schon gesehen habe? Gut, der Roman ist meist umfangreicher, der Film kann eben nicht alle Szenen einfangen und oft sieht man ziemlich lausige Romanadaptionen auf der großen Leinwand. Aber was ist mit Prestige? Der Film hat einen Twist am Ende der einem doch das Lesen vergrätzt oder nicht? Nun um die Frage wenigstens teilweise zu beantworten, kann ich sagen der Roman ist anders. Der Film erzählt die Handlung wesentlich kompakter, konzentriert die Fehde der Magier Angier und Borden sozusagen auf das Wesentliche, ohne dabei etwas Falsch zu machen. Im Roman umspannt die Fehde jedoch nicht nur einige Monate sondern mehrere Generationen.
The Prestige Das Buch erzählt daraufhin eine Geschichte in der Geschichte. Alles beginnt mit dem Journalisten Andrew Westley, der wohl irgendwie mit dieser Fehde der Zauberkünstler in Verbindung steht – Dies ist der moderne Überbau. Ein Tagebuch von Alfred Borden ist dann das nächste große Kapitel. Hier bekommt man die gesamte Geschichte also erstmal von Borden erzählt. Nun kommt Kate Angier zu Wort. Kate Angier? Ist das die Frau von Angier, wie wir sie auch im Film sahen? Nein. Es ist wieder ein Blick in die heutige Zeit. Kate Angier ist ein Nachkomme des berühmt berüchtigten Rupert Angier und sie erzählt von einem Streit und einem schrecklichen Zwischenfall zwischen einem gewissen Borden und ihrem Vater, zu einer Zeit als sie fünf Jahre alt war. Daran schließt sich der vierte Teil an, in dem der Leser Rupert Angiers Aufzeichnungen nun vor sich hat. Jetzt wird der Konflikt zwischen Borden und Angier aus einer völlig anderen Perspektive erzählt und Dinge die sich Borden nicht erklären konnte, werden von Angier in Worte gefasst. Das Ganze funktioniert sehr gut, lockt es den Leser doch immer wieder mit neuem und doch bekanntem. Ich will hier bewusst nicht zu sehr ins Detail gehen, das Lesen lohnt sich ganz sicher. Der letzte Teil des Buches zieht dann denn Bogen zurück ins Heute. Andrew Westley erfährt das letzte große Geheimnis – das Prestige…

Was noch anzumerken ist, ist das der Roman viele kurze Kapitel hat und so zu einem richtigen „Pageturner“ wird. Obwohl ich den Film kannte hat der Roman nichts von seiner Faszination verloren und ich würde beides, Film und Buch auf eine Stufe stellen, ich vermag nicht zu sagen was von beiden besser ist und das zeichnet doch eine gute Verfilmung aus oder?

Prestige – Meister der Magie

Jeder große Zaubertrick besteht aus drei Akten: Der erste Akt heißt ‚Das Versprechen‘: Der Zauberer zeigt Ihnen etwas Gewöhnliches, aber in Wirklichkeit ist es natürlich alles andere als gewöhnlich. Der zweite Akt nennt sich ‚Die Wendung‘: Der Zauberer lässt sein gewöhnliches Etwas etwas Ungewöhnliches tun. Wenn Sie jetzt nach dem Geheimnis suchen, werden Sie es nicht finden. Deshalb gibt es den dritten Akt, ‚Das Prestige‘ genannt. Dies ist der Teil mit den Drehungen und Wendungen, in dem Leben auf dem Spiel stehen und Sie etwas Schockierendes sehen werden, was Sie noch nie zuvor gesehen haben.
– Cutter
Prestige – Meister der Magie

The PrestigeRobert Angier (gespielt von Hugh Jackman) und Alfred Borden (gespielt von Christian Bale) sind Zauberkünstler. Beide versuchen in den Schauspielhäusern und Theatern Londons das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Treten sie zuerst noch gemeinsam mit ihrem Mentor und Erfinder Cutter (gespielt von Michael Caine) auf, entwickelt sich nach dem Tod von Angiers Frau eine erbitterte Feindschaft zwischen den beiden Männern, die die englische Hauptstadt zur Jahrhundertwende zum erzittern bringt. Von Rache getrieben entwickelt sich aus der Fehde schnell eine leidenschaftliche Feindschaft, deren Ende kaum abzusehen ist. Unfähig und unwillig die Rivalität zu beenden steuert alles auf eine Katastrophe zu, bei der nicht nur Magie sondern auch die Wissenschaft eine Rolle spielt.

Ich erinnere mich noch gut an den Kinoabend. Selten ging ich so begeistert aus dem Kino. Der Film hat einfach alles: Eine großartige Besetzung (Christian Bale gefällt mir mit jedem Film besser; Scarlett Johanssons, da muss man nicht mehr sagen; David Bowie als Tesla ist genial; Hugh Jackman kann auch noch was anderes als Wolverine und Michael Caine ist einfach Michael Caine), eine großartige Handlung die nicht nur mysteriös beginnt, sondern auch einen Twist aufweißt der ins Phantastische und sogar in den Horror mündet, so was bekommt man einfach selten zu sehen und dann ist da noch die Erzählweise die Christopher Nolans Film so aufregend macht. Der Film beginnt mit einer Szene im Wald und vielen, vielen Hüten. Bevor es zu einer Auflösung kommt vergeht allerdings erstmal viel Zeit. Man muss diesen Film gucken und mitdenken – heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr wenn man ins Kino geht. Immer wieder Schnitte und Zeitsprünge, verzweigte Handlungsebenen und Enthüllungen, die wieder etwas neues Verschleiern: Der Film ist ein einziger Zaubertrick und er funktioniert, er funktioniert sogar verdammt gut.

Die Magier

Auch die Bühnenbilder, Kostüme und das London zur Jahrhundertwende lassen den Zuschauer das Dunkle des Wohnzimmers bzw. des Kinos schnell vergessen. Es passt einfach alles zusammen. Christopher Nolan der mit Memento bereits auf sich aufmerksam machte, hat mit Prestige einen wirklich guten Film produziert. Man muss schon genauer hinsehen um Schwäche zu erkennen. Vielen wird vielleicht das Ende missfallen (ich persönlich fand es genial), auch einige Längen könnte man dem Film anlasten und das einige Figuren ein wenig untergehen (vor allem Scarlett Johanssons Rolle), aber insgesamt sollte man sich Prestige nicht entgehen lassen. Und während des Guckens sollte man Alfred Bordens Frage im Hinterkopf behalten: „Schauen Sie auch genau hin?“

Tesla

Der Film basiert übrigens auf einer Buchvorlage von Christopher Priest, die wir in einigen Tagen auch vorstellen werden.

Links:
Homepage des Films