Call of Cthulhu – Dark Corners of the Earth

„Schrecken – der wahre Schrecken, der den Geist lähmt und mit seinen Alpträumen Narben darauf hinterlässt – er heilt niemals richtig.“

Start

Das für PC und XBox erschienene Call of Cthulhu – Dark corners of the Earth (kurz DcotE) hat inzwischen schon einige Jährchen auf dem schuppigen Buckel, ist und bleibt aber bis heute vermutlich die erfolgreichste und bekannteste Adaption einer Lovecraft-Story. Höchste Zeit diesen fischigen Shooter mit Schleich- und Rätseleinlagen noch einmal unter die Lupe zu nehmen und sich auf den von Pegasus für nächstes Jahr angekündigten Innsmouth-Band einzustimmen.

In diese düstere Hafenstadt nördlich von Arkham nämlich verschlägt es den Spieler in der Gestalt des abgehalfterten Privatdetektivs Jack Walters. Dort soll er das Verschwinden eines jungen Mannes aufklären, jedoch zeigen sich die Einheimischen alles andere als hilfsbereit. Aber Walters lässt sich nicht von seinen Nachforschungen abbringen und verstrickt sich immer tiefer in die grausigen Geheimnisse von Innsmouth und seiner degenerierten Bewohner. Doch die blasphemische Macht, die unter dem nahen Teufelsriff lauert, hat sich bisher noch jedes Eindringlings entledigen können und schon bald geht es für den Spieler ums nackte Überleben.

"Aussteigen, Fremder. Endstation!"

Wem diese Geschichte nun entfernt bekannt vorkommt, liegt vollkommen richtig. Bethesda Softworks (The Elder Scrolls IV, Fallout 3) hat sich mit DcotE ausgiebig bei Lovecrafts Kurzgeschichte „Schatten über Innsmouth“ bedient. Die Marsh-Familie, der Esoterische Orden des Dagon, das Gilman-Hotel – alles alte Bekannte, aber man freut sich dennoch sie wiederzuerkennen. Als passionierter Rollenspieler aber kommt man nicht umhin, noch etwas weiteres zu bemerken:

Der gesamte Plot ist nahezu eine 1:1-Übernahme der klassischen Chaosium-Kampagne „Escape from Innsmouth“ bzw. „Raid on Innsmouth“! Die Übereinstimmungen gehen sogar so weit, dass man mit den Heften neben dem Bildschirm seinen eigenen Fortschritt nachverfolgen kann. Ob man dies als Innovationslosigkeit oder Hommage betrachten will bleibt letztendlich Geschmackssache, Fakt ist: All die bekannten Orte tatsächlich vor Augen zu haben lässt schon so manches Kultistenherz höher schlagen.

Unter Kultisten sind alte Gemäuer sehr begehrt

Der Spielengine hingegen merkt man ihr Alter zudem deutlich an. Kantige Modelle, hölzerne Animationen, matschige Texturen und eine kaum vorhandene Spielphysik dürften Grafik-Fetischisten von vornherein abschrecken. Der Rest aber wird durch stimmungsvolle Effekte wieder versöhnt. Dunkelheit und Schatten sind gut in Szene gesetzt, Gegenlicht lässt Objektkanten leicht verschwimmen und die vielen liebevoll platzierten Details wie Müll, Bilder oder Zeichen des Verfalls sowie die unvermittelt kommenden, verzerrten Visionen und Flashbacks tun viel für das – im positiven Sinne – ungute Grundgefühl von DcotE.

In der Erzeugung dieser Gefühle von Furcht, ständiger Anspannung und Paranoia liegt auch die große Stärke des Spiels, und hier spielt es seine Asse aus. Hauptverantworlich dafür ist die beinahe perfekte Verschmelzung des Spielers mit seinem unglückseeligen Charakter. Dazu verzichtet DcotE vollständig auf Anzeigen wie Lebensbalken, Munition oder Status. Nichts trennt einen so vom Schrecken des nächtlichen Neuenglands. Alles was man sieht, sieht man durch die Augen von Jack Walters. Regentropfen und Blutspritzer nehmen einem die Sicht. Wenn der Walters Höhenangst oder Panik bekommt, beginnt sich das Sichtfeld einzuengen, zu verwackeln und die Farbwahrnehmung ändert sich.

Als Detektiv steht auch Recherche auf dem Programm

Aber mehr noch als die grafische Darstellung trägt die Geräuschkulisse zur dichten Atmosphäre bei. Der Wind saust unheimlich durch die Gassen, in denen die kehligen Stimmen der miteinander raunenden Dorfbewohner hallen. Fröhliche Grammophonmusik vermischt sich mit den Schreien der Sanatoriumspatienten und in den Momenten des Horros erklingt zwischen Jacks dröhnenden Herzschlägen nervenaufreibendes Flüstern – sein eigenes und das fremdartige in seinem Kopf. Tatsächlich wurde das Sanity-System rudimentär umgesetzt, weshalb stets die Möglichkeit besteht, dass sich Jack irgendwann die Waffe an den eigenen Kopf – bzw. den des Spielers – setzt und abdrückt. Bei welchem Spiel findet man soetwas schon?

Leider gibt es jedoch auch Situationen, bei denen all diese Kniffe einfach nicht genug sind um den Spielspaß aufrecht zu erhalten. Wer zum Beispiel beim unzähligsten Neustart der geradezu unfair kalkulierten Flucht aus dem Hotel keinen Wutausbruch bekommt, muss die Geduld eines Großen Alten haben. Hinzu kommt die unterirdische künstliche Intelligenz der Gegner, die als Ausgleich dafür aber nach ihrem Tod immerhin an den unmöglichsten Stellen immer wieder neu auftauchen und einen überraschend über den Haufen schießen, wenn man gerade krampfhaft dabei ist herauszufinden, wie und wo es in den labyrinthischen Gängen endlich weitergeht. Die Spannung der ersten, waffenlosen Stunden kann das Spiel trotz Horden von Tiefen Wesen leider nie mehr ganz erreichen.

Die "Urania" nähert sich dem Teufelsriff

Für wen ist Dark corners of the Earth also zu empfehlen? Shooter-Veteranen? Weniger. Diese dürften bereits durch den ruhigen Anfang, die Rätseleinlagen und das Lesen von seitenweise Tagebüchern und Manuskripten abgeschreckt werden. Adventure-Spieler? Auch nicht. Die verlieren vermutlich den Spaß, wenn schließlich mit Pistolen und Gewehren dutzende Tiefe Wesen und deren Hybride niedergestreckt werden müssen.

Cthulhu-Fans und Rollenspieler, die gegen beide Genres nichts einzuwenden haben und bereit sind, für die einzigartige Stimmung von DcotE kleinere Abstriche zu machen? In jedem Fall. Diese erwartet eine authentische und grausige Reise quer durch die Geheimnisse von Lovecrafts berühmtestem Hafenstädtchen und weit darüber hinaus. Für Spielleiter, die im nächsten Jahr Inspiration und Anregung für die Darstellung Innsmouths suchen, kann sich dieses Spiel sogar als echte Goldgrube erweisen. Und wenn man nur die reichhaltigen Sound-Dateien nach nützlichen Effekten und Musik durchstöbert.

4 Gedanken zu “Call of Cthulhu – Dark Corners of the Earth

  1. Graf Karl

    Habs vor nem Jahr durchgespielt: Klasse Spiel. Über die Grafik kann man sicher streiten, dafür sind die effekte erste Sahne.

    Einziges Manko: Bugs, verschwindende Leichen.

    Trotzdem:
    Empfehle ich jedem Kultisten.

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  2. Castor

    Hi,
    ich habe es zwar nicht gespielt, aber ich kam nach der CoC Con auf den Geschmack und habe mir den „walkthrough“ auf YouTube angeschaut.
    http://www.youtube.com/view_play_list?p=AA845312EDBFA813&search_query=call+of+cthulhu+dark+corners+of+the+earth+walkthrough
    Sehr gute CoC Atmosphäre. Leider geht es nach Innsmouths, über in einen eher mittelmäßigen shooter mit nur noch wenigen Adventure-Einlagen. Mehr Adventure/Rollenspiel, weniger shooter und eine aktuelle Grafik, dann würde ich es kaufen. Ich hoffe es kommt irgendwann ein neues CoC Spiel.

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  3. Dr. Elias D. Gedney

    Also ich finde man merkt dem Spiel an das zwischendurch die Kohle knapp war und das entwickler team gewechselt hat oder so ähnlich. Innsmouth is auf jedenfall noch sehr schön auch wegen das sneakens und auch die atmosphäre is klasse, aber als man dann die ersten Waffen und jede menge muni bekommt wirds echt albern. Dann kommt meiner meinung nach nichts mehr an Stimmung auf, weil man nur noch nen shooter spielt. Ja klar ansatzweise findet man nen paar interessante Tagebucheinträge, aber wenn man echter Lovecraftfan ist sieht man sofort, das bei dem Spiel zwei Geschichten von ihm verwurstet wurden. Schatten über Innsmouth und Schatten aus der Zeit mit den Yithianern. Ich find das Spiel eher mittelmässig anzusiedeln, was man auch damals an den schnell eingestellten Spielen bei Ebay beobachten konnte. Von der schwierigkeit her ist es ein recht anspruchsvoller Shooter und die atmosphäre zu anfang ist echt geil, aber dann lässt es nach.

    Wenn ihr auf stimmungsvolle Shooter steht, dann kann ich euch echt Bioshock empfehlen. Auch wenns die späten dreissiger Jahre von der Stimmung rüberbringt ist es echt der Hammer. Wenn ihr mit Nazithemen klarkommt und nicht empfindlich auf diese reagiert, dann besorgt euch die uncut version aus Österreich oder wenn ihr es entschärft haben wollt nehmt halt die deutsche version. Das is im moment mein Spielfavorit aus dem horrorshootergenre. Aber nicht geht über Fallout 3 aber jetzt hör ich lieber auf mit dem Schreiben.

    mfg
    Der Sebastian

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  4. Jens

    Moin. Also erstmal würde ich vorsichtig sein, die Qualität eines Spiels an seiner Popularität oder der Geschwindigkeit zu messen, bei der es bei Ebay erschienen ist. Psychonauts gabs auch sehr schnell für 10€ im Grabbeltisch und es ist bestimmt eins der besten Jump’n’Runs aller Zeiten.

    DCotE hat sicherlich seine Macken. Die Grafik würde ich übrigens nich dazu zählen. Klar, die Texturen sind verwaschen, die Charaktere kantig. Dafür hat es immens viel Style und einen selten gesehenen, verliebten Detailgrad. Eine Qualität, die den meisten generischen Übersoldat-Shootern heutzutage verloren gegangen ist.

    Dass man im Spiel irgendwann mit Waffen beladen wird und endlich zurückschlagen kann, ist in meinen Augen kein Manko. Denn erstens ist es Teil eines Spannungsbogens, der langsam mal eine „Jetzt schlag ich zurück!“-Atmo braucht, und zweitens kann man in diesem Spiel (außer vielleicht in der viel zu langen Marsh-Raffinerie, die tatsächlich nervt) eigentlich nie wirklich rumballern, weil man dann sofort eins auf die Nüsse bekommt. Ich fand nicht eine Minute, dass es affig oder albern wurde.

    Und das zwei Geschichten verwurstet wurden, kann ich nicht wirklich als negativ empfinden. Ganz im Gegenteil: Beim ersten Durchspielen fand ich die Begegnung mit den (interessant interpretierten) Polypen aka Flugkraken extrem gruselig. Sowieso: Gerade im letzten Akt des Spiels, wenn man (übrigens anfangs wieder ohne Waffen) durch die Stadt der Tiefen Wesen huscht, kommt ein Arsch voll Atmosphäre auf.

    Auf ner Skala von 1 bis 10 kriegt das Spiel nach wie vor bei mir ne 8. Aber ich geb auch nix auf Grafikschwächen (c:spielewolf3dwolf3d.exe) und so finde ich als Kritikpunkte nur einige spielerische Macken sowie die dämliche KI.

    Gruß,
    Jens

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